Bekannte Sterne

Adolf Friedrich Graf von Schack

1897

Da steigen sie strahlend empor aufs neue, Die altbekannten Sterne, Licht an Licht, Und grüßen aus der nächtlich-dunklen Bläue Nach mir mit Freundesangesicht.

Du dort, der leuchtend durch die Pappelreihen Vor meines Vaters Haus mir schien, Arktur, Dem ich, mein Leben hohem Ziel zu weihen, In kühnem Seelendrange schwur;

Orion du, bei dessen keuschem Strahle Zuerst an der Geliebten Brust ich sank Und von den Lippen ihr zum erstenmale Den warmen Lebensodem trank;

Und du, die halbgehüllt in Nebelschleier Du dort gezogen kommst, so wie du kamst, Als du, o Vega, Trägerin der Leier, Des Jünglings erstes Lied vernahmst:

Ja, alle seid ihr es, geliebte Bilder, An denen zitternd oft mein Auge hing, Bevor des Himmels mildes Licht in wilder Gewitternacht mir unterging.

Die Wonnen saht ihr, welche mein einst waren; Saht, wie ich litt und kämpfte und verlor - Ihr aber zogt seitdem, ihr immerklaren, Die ew′gen Bahnen wie zuvor.

Noch strahlt im Glanze, den ihr damals hattet, Ihr Nacht für Nacht am Dach, das droben blaut; Doch in dem Grame, der mein Aug′ umschattet, Hab′ ich euch lange nicht geschaut.

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Illustration zu Bekannte Sterne

Interpretation

Das Gedicht "Bekannte Sterne" von Adolf Friedrich Graf von Schack handelt von der tiefen Verbundenheit des lyrischen Ichs mit den Sternen am Nachthimmel. Diese Sterne sind nicht nur himmlische Körper, sondern auch Zeugen und Begleiter wichtiger Momente im Leben des Sprechers. Das Gedicht beginnt mit der Vorstellung, dass die bekannten Sterne erneut strahlend emporsteigen und dem Sprecher aus der dunklen Nacht mit freundlichem Antlitz zuwinken. Dies schafft eine Atmosphäre der Vertrautheit und des Trostes. Der Sprecher nennt dann spezifische Sterne und Sternbilder wie Arktur, Orion und Vega, die jeweils mit persönlichen Erinnerungen und Meilensteinen verbunden sind. Arktur erinnert an einen Schwur in der Jugend, Orion an die erste Umarmung mit der Geliebten und Vega an das erste Lied des Sprechers. Im weiteren Verlauf des Gedichts reflektiert der Sprecher über die Vergänglichkeit menschlicher Erfahrungen im Gegensatz zur Beständigkeit der Sterne. Die Sterne haben die Freuden und Leiden des Sprechers beobachtet, doch sie ziehen weiterhin ihre ewigen Bahnen, unberührt von den Schicksalsschlägen des Einzelnen. Der letzte Vers drückt eine gewisse Traurigkeit aus, da das lyrische Ich die Sterne aufgrund seines Kummers lange nicht mehr wahrgenommen hat, obwohl sie weiterhin am Himmel leuchten. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine tiefe Sehnsucht nach Beständigkeit und Kontinuität in einer sich ständig verändernden Welt. Die Sterne dienen als symbolische Ankerpunkte für die Erinnerungen und Erfahrungen des Sprechers und bieten Trost in Zeiten des Wandels und des Verlustes.

Schlüsselwörter

licht saht nacht steigen strahlend empor aufs neue

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
dem keuschem Strahle
Anapher
Orion du, bei dessen keuschem Strahle Zuerst an der Geliebten Brust ich sank Und von den Lippen ihr zum erstenmale Den warmen Lebensodem trank;
Enjambement
Die Wonnen saht ihr, welche mein einst waren; Saht, wie ich litt und kämpfte und verlor -
Hyperbel
Und von den Lippen ihr zum erstenmale Den warmen Lebensodem trank
Kontrast
Doch in dem Grame, der mein Aug′ umschattet, Hab′ ich euch lange nicht geschaut.
Metapher
Vega, Trägerin der Leier
Personifikation
Die altbekannten Sterne, Licht an Licht, Und grüßen aus der nächtlich-dunklen Bläue Nach mir mit Freundesangesicht.