Beim Siegeseinzug in Berlin

Adolf Friedrich Graf von Schack

1897

Steig′ empor, Herrlichste der Sonnen, Die über Deutschland geleuchtet! O den Tag, den du bringst, Ganz und voll zu genießen, Ist es genug nicht des Glücks für ein Leben? Den sterbenden Greis Laß das Auge nicht schließen, Bevor er ihn erblickt, Und in der Wiege dem Säugling Oeffne des Geistes Sehkraft, Daß sein Gedanke ihn fasse, Und er einst noch den Enkeln künde: Ich habe den großen Tag erlebt. Horch! Trommelwirbel Und Fall von hunderttausend Tritten! Sie sind es, sie nahen, Die durch den Donner der Schlachten Ueber stürzender Brüder Leichen dahin Deutschlands Banner getragen! Noch scheinen ihre Lanzen Vom Wirbelsturm des Kampfes zu zittern. Doch Hoch! erschallt es, Hoch! Durch des Volkes wogende Reihen, Und mit dem Grün des Friedens bekränzt, Wallen durchs Thor die Siegesfahnen. Gen Himmel flackert Im Sonnenlichte der Glanz Der wogenden Helme und Waffen, Wie durch die geschmückten Straßen Der Zug der Krieger sich wälzt, Und Fanfarengeschmetter nun Und hochaufhallender Jubelruf; Sie kommen, die glorreichen Führer, Die Lieblinge des Ruhmes, Die noch nach Jahrtausenden In ungeborner Völker Gesängen leben werden! Aus ihrer Mitte hervor, Wie Orion unter den anderen Sternen, Leuchtet der Herrliche, Der Retter Deutschlands! Laßt Platz für sein Roß, Ihr Weiber, die mit euren Kleinen Heran ihr euch drängt, Um, seine Kniee umklammernd, ihm zu danken, Daß er euch Haus und Herd Vor Schande geschützt! Wohl mehr, als des Krieges Gewühl, Liebt er, Kinder um sich spielen zu sehen; Aber noch einmal heut, zum letztenmale, Eh zur Pflugschar das Schwert sich wandelt, In seines Heeres Mitte Mit den krachenden Feuerschlünden Muß er Zwiesprach′ halten. Horch! das sind die ehernen Stimmen - Er kennt sie -, Die ihn in zwanzig Siegesschlachten umdonnert, Vor denen hundert Vesten Und ein Reich in Trümmer gesunken. Von allen Türmen die Glocken fallen ein, O! und weiter dahin, durch den Blumenregen, Der von Fenstern und Dächern niederstäubt, Zieht er achtlos vorüber an uns, Denen an der Wimper die Freudenthräne zittert, Während die Lippe verstummt Und nur des Herzens Klopfen Dank ihm stammelt, Daß er uns ein Vaterland geschenkt.

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Illustration zu Beim Siegeseinzug in Berlin

Interpretation

Das Gedicht "Beim Siegeseinzug in Berlin" von Adolf Friedrich Graf von Schack beschreibt die triumphale Rückkehr der deutschen Krieger nach einem siegreichen Feldzug. Es beginnt mit einem Aufruf an die Sonne, die über Deutschland leuchtet, und betont die Bedeutung des Tages, der gekommen ist. Der Dichter ruft dazu auf, dass selbst der sterbende Greis und das neugeborene Kind diesen historischen Moment erleben sollen, da er so bedeutsam ist, dass er Generationen überdauern wird. Das Gedicht schildert dann den Einzug der siegreichen Truppen in Berlin. Die Geräusche der Trommeln und das Marschieren der Soldaten werden lebhaft dargestellt. Die Krieger, die durch die Schlachten gegangen sind und ihre Banner über den Leichen gefallener Kameraden getragen haben, kehren nun als Helden zurück. Ihre Waffen zittern noch vom Kampf, doch sie werden vom jubelnden Volk empfangen. Die Straßen sind geschmückt, und die Siegesfahnen wehen im Wind. Im Mittelpunkt des Gedichts steht der "Herrliche", der Retter Deutschlands, der wie Orion unter den Sternen leuchtet. Er wird von den Menschen verehrt, besonders von den Frauen, die mit ihren Kindern herankommen, um ihm zu danken, dass er ihre Häuser und Familien vor Schande bewahrt hat. Der Dichter betont, dass dieser Held mehr als den Krieg liebt, Kinder um sich spielen zu sehen. Doch bevor das Schwert zur Pflugschar wird, muss er noch einmal inmitten seines Heeres stehen und mit den Kanonen sprechen. Die Glocken läuten, und der Held zieht durch einen Regen aus Blumen, während die Menschen ihm dankbar zuwinken und ihre Freudentränen vergießen, denn er hat ihnen ein Vaterland geschenkt.

Schlüsselwörter

tag leben horch dahin deutschlands hoch mitte denen

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Stilmittel

Alliteration
Wohl mehr, als des Krieges Gewühl
Anapher
Hoch! erschallt es, Hoch!
Apostrophe
Laßt Platz für sein Roß
Hyperbel
Ganz und voll zu genießen, Ist es genug nicht des Glücks für ein Leben?
Metapher
Steig' empor, Herrlichste der Sonnen
Metonymie
Daß er euch Haus und Herd Vor Schande geschützt
Onomatopoesie
Trommelwirbel
Personifikation
Laß das Auge nicht schließen
Symbolik
Eh zur Pflugschar das Schwert sich wandelt
Vergleich
Wie Orion unter den anderen Sternen