Beim Flachsbrechen
1751Plauderinnen, regt euch stracks! Brecht den Flachs, Daß die Schebe springe, Und der Brechen Wechselklang Mit Gesang Fern das Dorf durchdringe!
Herbstlich rauscht im Fliederstrauch Kalter Hauch, Und der Nachttau feuchtet! Dennoch brecht mit bloßem Arm, Brecht euch warm, Weil der Mond uns leuchtet!
Brich, du armer Flachs! Dir droht Müh und Not, Mehr denn je du träumtest, Als du grün im Sonnenschein, Junger Lein, Blaue Blumen keimtest!
Ach, die harte Raufe hat Gleich zur Saat Dir die Boll entrissen, Wochenlang dann auf der Au Sonn und Tau Röstend dich zerrissen!
Nun zerquetschen wir in Hast Dir den Bast, Den die Schwinge reinigt; Von der bösen Hechel itzt, Scharfgespitzt, Wirst du durchgepeinigt!
Doch dann prangst du glatt und schön; Und wir drehn Dich in saubre Knocken: Und getrillt mit flinkem Fuß, Feucht vom Kuß, Läufst du uns vom Rocken!
Schnell durch Spul und Haspel eilt, Schön geknäult, Drauf dein Garn zur Webe: Daß die Leinwand, scharf gebeucht, Und gebleicht, Hemd und Laken gebe!
Brich, o brich, du armer Flachs! Weiß wie Wachs, Prangst du angeschmieget, Wann beim Bräutigam die Braut, Warm und traut, Einst im Bette lieget!
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Interpretation
Das Gedicht "Beim Flachsbrechen" von Johann Heinrich Voss beschreibt den Prozess der Flachsbearbeitung von der Ernte bis zur Herstellung von Leinenstoffen. Es beginnt mit der Aufforderung an die Arbeiterinnen, den Flachs zu brechen, wobei der Klang der Arbeit mit Gesang das Dorf durchdringt. Trotz der herbstlichen Kälte und des Nachttaus werden sie durch den Mondschein ermutigt, mit bloßen Armen zu arbeiten und sich warm zu brechen. Der zweite Teil des Gedichts beleuchtet das Schicksal des Flachses, der von der Saat bis zur Ernte viel durchmacht. Er wird von der Raufe geerntet, von Sonne und Tau geröstet und schließlich von der Hechel gequält. Doch nach diesem harten Prozess wird der Flachs glatt und schön, bereit, zu Garn gesponnen und zu Leinenstoffen gewebt zu werden. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass der Flachs, nun weiß wie Wachs, in Form von Hemden und Laken seinen Zweck erfüllt, wenn Braut und Bräutigam in ihrem Bett liegen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Daß die Schebe springe
- Anapher
- Brich, o brich, du armer Flachs!
- Bildsprache
- Und getrillt mit flinkem Fuß, / Feucht vom Kuß, / Läufst du uns vom Rocken!
- Hyperbel
- Mehr denn je du träumtest
- Kontrast
- Sonn und Tau / Röstend dich zerrissen
- Metapher
- Herbstlich rauscht im Fliederstrauch
- Personifikation
- Brich, du armer Flachs!
- Symbolik
- Weiß wie Wachs