Beim Erwachen in der Nacht
1841Mein Gott, mein erstes Wort, ich bin erwacht! Fern ist der Tag mit seinem Flammenschilde, Und wie ein schwarzer Rauch bedeckt die Nacht Zwar leicht, doch dicht ein jegliches Gebilde. Fern ist der Mond, der Wächter der Natur, Und keine Sterne seh′ ich freudig glühen; Vielleicht bedeckt ein Nebelsee die Flur, Vielleicht auch mögen dunkle Wolken ziehen.
Stumm ist die Nacht, doch ist sie tatenschwer, Und Gottes Wunder wird von ihr geboren; Sie sendet uns im Tau die Ernte her, Sie ist das Füllhorn, das sich Gott erkoren. Indes der Mensch dem Leibe zahlt die Schuld Und nicht vermag an seinen Gott zu denken, Will ihm der Herr, o übergroße Huld, Mit milder Hand ein neues Leben schenken.
Doch wie als Friedensengel nicht allein, Auch als der Tod das Heil uns kommt hernieder, So flammt in ihr des Blitzes roter Schein, Und Stürme ziehn durch ihre schwarzen Glieder. Der Hagel schlägt die Saat, die Welle steigt, Und heimlich frißt ihr Zahn am sichern Damme; Der Meltau trifft die Frucht, daß sie erbleicht, Und furchtbar wächst die unbemerkte Flamme.
Wer weiß, was diese Nacht für mich verhüllt, Wie nötig Stärke mir am frühen Morgen, Ob mir nicht wird mein Leidenskelch gefüllt, Ob zehnfach nicht verdoppelt meine Sorgen? Ich kann noch viel verlieren in der Welt; Ich hab′ Geschwister, Mann und liebe Kinder Und Ehr′ und Gut: wenn dir es, Herr, gefällt, Nimm Alles hin, ich liebe dich nicht minder!
Was du verhängt, es ist nur dir bekannt, Ich weiß es nicht und sorg′ es nicht zu wissen; Um eins nur bitt′ ich, daß in deiner Hand Ich demutsvoll die Rute möge küssen. Gib, daß ich nicht in Unmut sinken mag, Ob auch des Körpers morsch Gebäude wanke, Daß ich dich lobe bei dem harten Schlag Und daß ich dir im tiefsten Elend danke.
Ich wünsche nichts; mein Gott, ich stell′ es dir Anheim in deine väterliche Güte: Allein die Meinen segne für und für; Schick deinen Engel, daß er sie behüte. Zwar such′ ich mutig sie nach Menschenkraft, So Geist als Leib, zu ihrem Heil zu führen; Wohl nützt dem Körper, was der Körper schafft, Doch ihre Seele kann nur Gott regieren.
Gib ihnen Licht, wo es noch finster ist, Gib ihnen Kraft, wo schon ein Strahl entglommen, Gib ihnen Trübsal, wenn ihr Herz vergißt, Ihr eitles Herz, woher das Glück gekommen. Doch wenn das Leiden sie zum Mißmut drückt, Gib ihnen Freude, daß sie dich erkennen; Gib ihnen Trost, wenn einst ihr Leben knickt, Und laß sie sterbend deinen Namen nennen.
In Jesu Schutz, nach Jesu Will′ und Wort, In Jesu Namen schließ′ ich meine Augen. Die Nacht geht ihre stillen Wege fort; Was kommt, das muß zu Gottes Rathschluß taugen. Erblick′ ich lebend und gesund den Tag, So will ich deinen heil′gen Namen preisen; Doch ob der Tod sein Anteil fordern mag, in Jesu Wunden läßt sich′s sicher reisen.
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Interpretation
Das Gedicht "Beim Erwachen in der Nacht" von Annette von Droste-Hülshoff handelt von einer Nacht, in der die Sprecherin erwacht und über die Dualität der Nacht nachdenkt. Sie beschreibt die Nacht als eine Zeit des Friedens und der Fruchtbarkeit, aber auch als eine Zeit des Unheils und der Zerstörung. Die Sprecherin bittet Gott um Stärke, um mit allem fertig zu werden, was die Nacht bringen mag, und um die Fähigkeit, in allen Umständen dankbar zu bleiben. Sie übergibt ihre Lieben in Gottes Obhut und bittet um Führung und Trost für sie. Das Gedicht endet mit der Bereitschaft der Sprecherin, sowohl Leben als auch Tod anzunehmen, solange sie in Jesus geborgen ist. Das Gedicht beginnt mit der Erkenntnis der Sprecherin, dass die Nacht hereingebrochen ist. Sie beschreibt die Dunkelheit als einen "schwarzen Rauch", der alles bedeckt, und bemerkt, dass weder der Mond noch die Sterne sichtbar sind. Die Nacht wird als eine Zeit der Stille und der Tat beschrieben, in der Gottes Wunder geboren werden. Die Sprecherin erkennt an, dass die Nacht sowohl ein Friedensengel als auch der Tod sein kann, und erwähnt die zerstörerischen Kräfte der Natur, die in der Nacht wirken können. Die Sprecherin wendet sich dann direkt an Gott und bittet um Stärke und Demut, um mit allem fertig zu werden, was die Nacht bringen mag. Sie drückt ihre Bereitschaft aus, alles zu verlieren, solange sie Gott liebt. Die Sprecherin übergibt ihre Lieben in Gottes Obhut und bittet um Führung und Trost für sie. Sie erkennt an, dass sie zwar ihr Bestes tun wird, um sich um ihre Lieben zu kümmern, aber dass nur Gott ihre Seelen regieren kann. Das Gedicht endet mit der Bereitschaft der Sprecherin, sowohl Leben als auch Tod anzunehmen, solange sie in Jesus geborgen ist. Sie schließt die Augen im Namen Jesu und akzeptiert, dass alles, was kommt, Teil von Gottes Plan sein muss. Die Sprecherin drückt ihre Bereitschaft aus, Gottes heiligen Namen zu preisen, wenn sie den Tag lebend und gesund erlebt, aber auch ihre Bereitschaft, in Jesu Wunden Zuflucht zu suchen, wenn der Tod kommt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Wer weiß, was diese Nacht für mich verhüllt
- Anapher
- Gib ihnen Trübsal, wenn ihr Herz vergißt, Ihr eitles Herz, woher das Glück gekommen
- Apostrophe
- Mein Gott, mein erstes Wort, ich bin erwacht!
- Bildsprache
- Sie ist das Füllhorn, das sich Gott erkoren
- Hyperbel
- Ob mir nicht wird mein Leidenskelch gefüllt
- Kontrast
- Doch wie als Friedensengel nicht allein, Auch als der Tod das Heil uns kommt hernieder
- Metapher
- Und wie ein schwarzer Rauch bedeckt die Nacht
- Parallelismus
- Gib ihnen Licht, wo es noch finster ist, Gib ihnen Kraft, wo schon ein Strahl entglommen
- Personifikation
- Die Nacht geht ihre stillen Wege fort
- Symbolik
- In Jesu Schutz, nach Jesu Will' und Wort