Beichte

Wilhelm Jordan

1530

Ich liege, den Kopf in die Rechte gestützt, Mein eigenes Herz hör′ ich pochen, Und grüble, womit ich geschadet, genützt Und was ich gefehlt, was verbrochen.

In buntestem Reigen der Seele vorbei Geflattert kommen die Schwächen. Weiß Einer sich gänzlich von Sünden frei, Der möge den Stab mir brechen.

Beim Safte der Reben von Rauenthal Von Jugendlust überzuschäumen, In guter Gesellschaft beim leckersten Mahl Eine Predigt gern zu versäumen;

Ja, seh′ ich Einen ein feines Gericht Wie Kartoffeln und Bohnen verschlucken, Mich seiner zu schämen und über den Wicht Verächtlich die Achseln zu zucken;

Im prächtigen Saal, wo von Kerzen umflammt Ringsumher auf den schwellenden Sitzen Die reizendsten Frauen in Atlas und Sammt Diamantengeschmückt mich umblitzen,

Berauscht von des Walzers Tonkatarakt Mit der Schönsten im Wirbel zu fliegen Und den Arm, ihres wogenden Busens Tact Mitfühlend, ums Mieder zu schmiegen,

Zu träumen daß Ich mit ihr in der Welt Als gebietender König allein sei Bis die nächste vielleicht mir noch besser gefällt Und ich wähne daß diese nun mein sei;

An der Leidenschaft Flamme, verschmähend die Flucht Mein Poetenherze zu wärmen Und die Kunde der Seele der Frau mir als Frucht Bis zur Fürstin hinauf zu erschwärmen;

Ja – bekenn′ ich es nur! – wohl mitunter zu weit Mich im sicheren Stolze zu wagen, Zwar mit Vorbedacht nie, doch zu lohnen mit Leid Eine Reihe von reizenden Tagen:

So, mit ewig nach Allgenuß hungriger Brust, Mehr um Glück als um Frieden zu streiten, Nur zu gern auch dem Sturm der irdischen Lust Die Flügel entgegen zu breiten,

Bei den Frohen beredt, bei den Traurigen stumm, In der Kunst nur stät und geduldig: So zu leben und selten zu fragen warum, Deß Allen bekenn′ ich mich schuldig.

Doch nun fragt mich der Freund: Was schweigest du still Wann die Meute sich kläffend ereifert, Dich zähnefletschend zerfleischen will, Dich mit giftiger Galle begeifert?

»Verteidige dich und wolle nicht stolz Nur immer dir selber genügen; Schon manch ein guter Name zerschmolz Am höllischen Feuer der Lügen.«

So wendet sich nun in schlafloser Nacht An Dich der zweifelnd besorgte, An Dich, unbegreiflich gewisseste Macht Der ich, wachend, noch immer gehorchte.

Verlangt es das Wort das Du mir vertraut Damit ich es sei und es sage, Daß die Schreier des Marktes mit einem Laut Ich zerschmettert zu Boden schlage?

O sag′ es, ob dennoch mein Wesen gleicht Des Spottbildes grauser Verrenkung? Verlor ich die Fühlung und irr′t ich vielleicht Vom Wege trotz deiner Lenkung?

So rede nun, treuester Seelenhirt, Aus mir selber und doch unbestechlich. – »Die Buße wird lehren wo du geirrt, Denn auch Du bist schwach und gebrechlich.

»Indem du sie trägst erkenne die Schuld Und lerne sie künftig vermeiden; Jetzt übe dich gern in stummer Geduld Und lächelnd laß dich beneiden.

»Woran du geglaubt, das hast du ja dreist Auch bekannt ohne Beben und Bangen; Die Sünde wider den heiligen Geist Hast du noch niemals begangen.

»Wie vor Kurzem allmächtiges Willkürgebot Die Wahrheit geknechtet, doch fruchtlos, Wird Gesetz nun und Sitte vom Pöbel bedroht; Denn, entfesselt, wünscht er sich zuchtlos.

»Hast du damals gefürchtet Verbannung und Haft? Nein, du sprachest hinaus was du dachtest. Laß sie faseln, daß du die Geisteskraft Für Gold und Titel verpachtest.

»Laß sie füllen mit Fäden von Lügenwerg Ihre wüthig schnurrende Spindel! Vertheidigen darf sich nur ein Zwerg Gegen solches Lumpengesindel.«

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Illustration zu Beichte

Interpretation

Das Gedicht "Beichte" von Wilhelm Jordan ist ein zweistrophiges Werk, das sich mit den Themen Selbstreflexion, Schuld und Vergebung auseinandersetzt. In der ersten Strophe bekennt der lyrische Ich seine verschiedenen Sünden und Schwächen. Er gesteht seine Genusssucht, seine Eitelkeit, seinen Hang zur Erotik und seine intellektuelle Arroganz. Der Sprecher scheint sich seiner Fehler bewusst zu sein, aber auch bereit, sie zu akzeptieren und zu tragen. Die zweite Strophe beginnt mit einer Frage eines Freundes, der den Sprecher auffordert, sich gegen seine Kritiker zu verteidigen. Der Sprecher wendet sich daraufhin an eine höhere Macht, vermutlich Gott, und fragt, ob er sich gegen die Verleumdungen wehren soll. Die Antwort, die er erhält, ermutigt ihn, standhaft zu bleiben und seine Überzeugungen zu verteidigen. Die letzte Zeile deutet an, dass sich nur ein "Zwerg" gegen solche "Lumpengesindel" verteidigen müsste, was impliziert, dass der Sprecher zu groß und zu stark ist, um sich mit seinen Kritikern auseinandersetzen zu müssen.

Schlüsselwörter

gern laß hast seele guter vielleicht bekenn selber

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Stilmittel

Alliteration
Bei den Frohen beredt, bei den Traurigen stumm
Anapher
Laß sie faseln, daß du die Geisteskraft / Für Gold und Titel verpachtest. / Laß sie füllen mit Fäden von Lügenwerg / Ihre wüthig schnurrende Spindel!
Bildsprache
Berauscht von des Walzers Tonkatarakt / Mit der Schönsten im Wirbel zu fliegen
Enjambement
So zu leben und selten zu fragen warum, / Deß Allen bekenn′ ich mich schuldig.
Hyperbel
Ringsumher auf den schwellenden Sitzen / Die reizendsten Frauen in Atlas und Sammt / Diamantengeschmückt mich umblitzen
Kontrast
Bei den Frohen beredt, bei den Traurigen stumm
Metapher
In buntestem Reigen der Seele vorbei / Geflattert kommen die Schwächen.
Personifikation
Der möge den Stab mir brechen.
Rhetorische Frage
O sag′ es, ob dennoch mein Wesen gleicht / Des Spottbildes grauser Verrenkung?
Symbolik
Am höllischen Feuer der Lügen