Bei Übersendung meines Bildes

Charlotte von Ahlefeld

1781

Nimm hin dies Bild, das auch in weite Ferne Dir folgen darf, Geliebter! nimm es hin! Und glaub′ es seinem Lächeln, es wird gerne An Deiner Brust die weite Welt durchziehn.

Betracht′ es oft in stillen Augenblicken, Wenn Einsamkeit Dich schwermuthsvoll umgiebt. Und dann gedenk′ mit schmerzlichem Entzücken Der schönen Zeit, in der wir uns geliebt.

Sie ist vorüber - - doch die öde Leere Getrennter Liebe, die im Busen mir Durch Lethe′s Quell nur auszufüllen wäre, Stillt meiner Züge leiser Umriss Dir.

So nimm mein Bild, zum liebevollen Pfande Der treusten Neigung, nimm es freundlich an, Und es begleite Dich in ferne Lande, Wohin ich nur im Geist Dir folgen kann.

Wenn aus der Fülle goldner Jugendträume Die Wirklichkeit Dich kalt und bitter scheucht, So trage Ahndung Dich in höh′re Räume, Und Hoffnung mache dann das Herz Dir leicht.

Sie zeige Dir die Zukunft, die dem Kummer Dem irdischen, als stilles Ziel erscheint, Wo nach des Todes träumeleerem Schlummer Ein reines Glück auf ewig uns vereint.

Bis dahin gönne diesem Bild die Stelle An Deiner Brust, in der es längst gewohnt, Einst wird das Dunkel unsrer Zukunft helle, Dann wird uns des Entbehrens Schmerz belohnt.

Mit diesem Glauben lass gefasst uns scheiden Und muthig nimm mein letztes Abschiedswort. Ach hier auf Erden müssen wir uns meiden - Doch wiedersehen werden wir uns dort.

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Illustration zu Bei Übersendung meines Bildes

Interpretation

Das Gedicht "Bei Übersendung meines Bildes" von Charlotte von Ahlefeld handelt von einer tiefen, sehnsuchtsvollen Liebe, die durch räumliche Trennung auf die Probe gestellt wird. Die Sprecherin überlässt ihrem Geliebten ein Bildnis, das sie auf seinen Reisen begleiten soll, als Symbol ihrer unerschütterlichen Zuneigung. Sie bittet ihn, oft in stillen Momenten das Bild zu betrachten und sich an die schöne Zeit ihrer gemeinsamen Liebe zu erinnern. Die Trennung wird als schmerzhaft empfunden, doch die Sprecherin hofft, dass das Bildnis die öde Leere der getrennten Liebe zumindest ein wenig lindern kann. Sie bittet ihren Geliebten, das Bildnis als treues Pfand ihrer Liebe anzunehmen und es auf seinen Reisen mit sich zu tragen, da sie ihm nur im Geiste folgen kann. Die Sprecherin ermutigt ihn, in schweren Zeiten den Blick auf eine höhere, bessere Zukunft zu richten, in der ihre Liebe ewig währen wird. Das Gedicht endet mit dem festen Glauben an ein Wiedersehen im Jenseits, nach dem Tod. Die Sprecherin bittet ihren Geliebten, diesen Glauben zu teilen und sich mit Mut von ihr zu verabschieden. Obwohl sie sich auf Erden meiden müssen, sind sie sich sicher, dass sie sich eines Tages wiedersehen werden - an einem Ort, wo ihre Liebe ungetrübt sein wird und ihnen das Entbehrungsleid der Trennung vergütet wird. Das Bildnis steht somit als Symbol für die Beständigkeit ihrer Liebe über Raum und Zeit hinweg.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
des Entbehrens Schmerz belohnt
Personifikation
der Wirklichkeit Dich kalt und bitter scheucht