Bei Musik

Adolf Friedrich Graf von Schack

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Wer bist du, dessen Odem auf den Wogen Der Töne mir entgegenquillt? Entzückungen, die nicht von dieser Erde, Wehn leise mich aus ihnen an; ich werde Hinunter an das bleiche Meer gezogen, Das zwischen hier und drüben schwillt.

Mich führt ein Weib, verhüllt mit weißem Schleier, In ihren Kahn; von dannen trägt Der Windeshauch uns auf dem Wellenspiele, Das sich melodisch bricht am Kiele Und tönend bei den Klängen ihrer Leier Stets weitre, weitre Kreise schlägt.

Ein Lispeln hallt um mich von Geisterstimmen, Und Laute, die ich nie gekannt, Und Murmeln hör′ ich ungesehner Quellen; Dann legt sich große Stille auf die Wellen, Drauf weiße, wunderbare Blüten schwimmen, Wie Boten von dem Jenseitsstrand.

In eine Schale, während süßes Beben Vom Haupt zum Fuße mich durchschleicht, Schöpft von den blassen Wellen die Verhüllte Und bietet mir zum Trank die randgefüllte; Mir stockt der Atemzug; ist′s Tod, ist′s Leben, Was sie mir in dem Kelche reicht?

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Illustration zu Bei Musik

Interpretation

Das Gedicht "Bei Musik" von Adolf Friedrich Graf von Schack beschreibt eine poetische und mystische Reise in die Welt der Musik und des Unbewussten. Der Sprecher wird von einem geheimnisvollen Hauch, einem Odem auf den Wellen der Töne, angezogen und fühlt sich in eine andere Sphäre versetzt. Die Musik wird als eine Art Brücke zu einer jenseitigen Welt dargestellt, die zwischen dieser und der nächsten existiert. Die Reise wird von einer verhüllten Frau geleitet, die den Sprecher in ihren Kahn nimmt. Der Wind und die Wellen tragen sie fort, während die Musik, symbolisiert durch die Leier der Frau, harmonisch mit den Bewegungen des Wassers verschmilzt. Die Wellen schlagen weite Kreise, die sich wie die Klänge der Musik ausbreiten und eine Verbindung zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt herstellen. In der dritten Strophe wird die Umgebung noch geheimnisvoller. Der Sprecher hört Stimmen und Laute, die er noch nie zuvor gehört hat, und das Murmeln unsichtbarer Quellen. Eine große Stille legt sich über die Wellen, auf denen weiße, wunderbare Blüten schwimmen, die wie Boten vom jenseitigen Ufer wirken. Die Frau schöpft aus den Wellen eine Flüssigkeit in eine Schale und bietet sie dem Sprecher zum Trinken an. Der Sprecher ist unsicher, ob es sich um Leben oder Tod handelt, was die Ambivalenz und das Geheimnisvolle der Erfahrung unterstreicht. Das Gedicht endet mit einer Frage, die die Unsicherheit und das Staunen des Sprechers über die Natur dieser mystischen Reise zum Ausdruck bringt.

Schlüsselwörter

weitre wellen dessen odem wogen töne entgegenquillt entzückungen

Wortwolke

Wortwolke zu Bei Musik

Stilmittel

Metapher
süßes Beben
Onomatopoesie
Lispeln hallt um mich von Geisterstimmen
Personifikation
Entzückungen, die nicht von dieser Erde, Wehn leise mich aus ihnen an
Rhetorische Frage
Ist's Tod, ist's Leben
Symbolik
Schale, Kelch