Bei Halle

Joseph von Eichendorff

1857

Da steht eine Burg überm Tale Und schaut in den Strom hinein, Das ist die fröhliche Saale, Das ist der Gibichenstein.

Da hab ich so oft gestanden, Es blühten Täler und Höhn, Und seitdem in allen Landen Sah ich nimmer die Welt so schön!

Durchs Grün da Gesänge schallten, Von Rossen, zu Lust und Streit, Schauten viel schlanke Gestalten, Gleichwie in der Ritterzeit.

Wir waren die fahrenden Ritter, Eine Burg war noch jedes Haus, Es schaute durchs Blumengitter Manch schönes Fräulein heraus.

Das Fräulein ist alt geworden, Und unter Philistern umher Zerstreut ist der Ritterorden, Kennt keiner den andern mehr.

Auf dem verfallenen Schlosse, Wie der Burggeist, halb im Traum, Steh ich jetzt ohne Genossen Und kenne die Gegend kaum.

Und Lieder und Lust und Schmerzen, Wie liegen sie nun so weit - O Jugend, wie tut im Herzen Mir deine Schönheit so leid.

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Illustration zu Bei Halle

Interpretation

Das Gedicht "Bei Halle" von Joseph von Eichendorff thematisiert die Vergänglichkeit von Jugend, Schönheit und Ritterlichkeit. Der Sprecher erinnert sich an eine Zeit, in der er oft an einem malerischen Ort stand, von dem aus er eine Burg über einem Tal und den Fluss Saale sehen konnte. Damals schienen Täler und Höhen in voller Blüte zu stehen, und die Welt erschien ihm von unvergleichlicher Schönheit. In seiner Erinnerung hallen Gesänge durch das Grün, und er sieht schlanke Gestalten, die an die Ritterzeit erinnern. Er und seine Begleiter fühlten sich wie fahrende Ritter, und jedes Haus war eine Burg. Schöne Fräulein schauten durch die Blumengitter. Doch die Zeit hat alles verändert: Die Fräulein sind alt geworden, der Ritterorden ist zerstreut, und unter den Philistern kennt niemand mehr den anderen. Der Sprecher steht nun allein auf dem verfallenen Schloss, wie ein Burggeist halb im Traum, und erkennt die Gegend kaum noch. Die Lieder, die Lust und der Schmerz der Jugend liegen weit zurück, und der Sprecher empfindet tiefe Sehnsucht und Wehmut über die verlorene Schönheit der Jugend.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Und Lieder und Lust und Schmerzen, / Wie liegen sie nun so weit
Apostrophe
O Jugend, wie tut im Herzen / Mir deine Schönheit so leid
Hyperbel
Und seitdem in allen Landen / Sah ich nimmer die Welt so schön!
Metapher
Auf dem verfallenen Schlosse, / Wie der Burggeist, halb im Traum
Personifikation
Es schaute durchs Blumengitter / Manches schöne Fräulein heraus
Vergleich
Gleichwie in der Ritterzeit