Bei Grabbes Tod
1836Dämm´rung! - Das Lager! - Dumpf herüber schon Vom Zelt des Feldherrn donnerte der Ton Der abendlichen Lärmkanonen; Dann Zapfenstreich, Querpfeifen, Trommelschlag, Zusammenflutend die Musik darnach Von zweiundzwanzig Bataillonen!
Sie betete: “Nun danket alle Gott!” Sie ließ nicht mehr zu Sturmschritt und zu Trott Die Büchse fällen und den Zaum verhängen; Sie rief die Krieger bittend zum Gebet, Von den Gezelten kam sie hergeweht Mit vollen, feierlichen Klängen.
Der Mond ging auf. Mild überlief sein Strahl Die Leinwand rings, der nackten Schwerter Stahl Und die Musketenpyramiden. Ruf durch die Rotten jetzo: “Tzako ab!” Und nun kein Laut mehr! Stille, wie im Grab - Es war im Krieg ein tiefer Frieden.
Doch anders ging es auf des Lagers Saum Im Weinschank her; - da flog Champagnerschaum, Da hielt die Bowle dampfend uns gefangen! Da um die Wette blitzten Epaulett´ Und Friedrichsd´or; da scholls am Knöchelbrett: “Wer hält?” und Harfenmädchen sangen.
Zuweilen nur in dieses wüsten Saals Getöse stahl ein Ton sich des Chorals, Mischte der Mondschein sich dem Schein der Lichter. Ich saß und sann - “Nun danket -” »Qui en veut?« Geklirr der Würfel - da auf einmal seh´ Aus meiner alten Heimath ich Gesichter.
“Was, du?” - ““Wer sonst?”” - Nun Fragen hin und her. “Wie geht´s? von wannen? was denn jetzt treibt der?” Auf hundert Fragen mußt´ ich Antwort haben. - “Wie -” ““Nun, mach´ schnell! ich muß zu Schwarz und Roth!”” “Gleich! nur ein Wort noch: Grabbe?” - ““Der ist todt; Gut´ Nacht! wir haben Freitag ihn begraben!””
Es rieselte mir kalt durch Mark und Bein! Sie senkten ihn vergangnen Freitag ein, Mit Lorbeern und mit Immortellen Den Sarg des todten Dichters schmückten sie - Der du die hundert Tage schufst, so früh! - Ich fühlte krampfhaft mir die Brust erschwellen.
Ich trat hinaus, ich gab der Nacht mein Haar; Dann auf die Streu, die mir bereitet war In einem Kriegerzelt, warf ich mich nieder. Mein flatternd Obdach war der Winde Spiel; Doch darum nicht floh meinen Halmenpfühl Der Schlaf - nicht darum bebten meine Glieder.
Nein, um den Todten war´s, daß ich gewacht: Ich sah´ ihn neben mir die ganze Nacht Inmitten meiner Leinwandwände. Erzitternd auf des Hohen prächt´ge Stirn Legt´ ich die Hand: “Du loderndes Gehirn, So sind jetzt Asche deine Brände?
Wachtfeuer sie, an deren sprüh´nder Glut Der Hohenstaufen Heeresvolk geruht, Des Corsen Volk und des Carthagers; Jetzt mild wie Mondschein leuchtend durch die Nacht, Und jetzo wild zu greller Brunst entfacht - Den Lichtern ähnlich dieses Lagers!
So ist´s! wie Würfelklirren und Choral, Wie Kerzenflackern und wie Mondenstrahl Vorhin gekämpft um diese Hütten, So wohl in dieses mächt´gen Schädels Raum, Du jäh Verstummter, wie ein wüster Traum Hat sich Befeindetes bestritten.
Sei´s! diesen Mantel werf´ ich drüber hin! Du warst ein Dichter! - Kennt ihr auch den Sinn Des Wortes, ihr, die kalt ihr richtet? Dies Haus bewohnten Don Juan und Faust; Der Geist, der unter dieser Stirn gehaus´t, Zerbrach die Form - laßt ihn! er hat gedichtet!
Der Dichtung Flamm´ ist allezeit ein Fluch! Wer, als ein Leuchter, durch die Welt sie trug, Wohl läßt sie hehr den durch die Zeiten brennen; Die Tausende, die unterm Leinen hier In Waffen ruhn - was sind sie neben dir? Wird ihrer Einen, so wie dich, man nennen?
Doch sie verzehrt; - ich sprech´ es aus mit Grau´n! Ich habe dich gekannt als Jüngling; braun Und kräftig gingst dem Knaben du vorüber. Nach Jahren drauf erschaut´ ich dich als Mann; Da warst du bleich, die hohe Stirne sann, Und deine Schläfe pochten wie im Fieber.
Und Male brennt sie; - durch die Mitwelt geht Einsam mit flammender Stirne der Poet; Das Mal der Dichtung ist ein Kainsstempel! Es flieht und richtet nüchtern ihn die Welt!” Und ich entschlief zuletzt; in einem Zelt Träumt´ ich von einem eingestürzten Tempel.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Bei Grabbes Tod" von Ferdinand Freiligrath beschreibt die Nacht des Todes des Dichters Christian Dietrich Grabbe im Jahr 1836. Das Gedicht beginnt mit einer Beschreibung der Dämmerung und des militärischen Lagers, in dem der Sprecher sich befindet. Es wird ein Kontrast zwischen dem feierlichen Gebet und der wilden Feier im Weinschank hergestellt. Der Sprecher erfährt von Grabbes Tod und ist tief erschüttert. Er träumt von Grabbe und reflektiert über sein Leben und Werk. Er vergleicht Grabbe mit einem Leuchter, der durch die Welt trägt, aber auch ein Fluch ist. Er betont die Einzigartigkeit und Bedeutung Grabbes als Dichter und kontrastiert ihn mit den vielen Soldaten, die im Lager schlafen. Das Gedicht endet mit einem Traum des Sprechers von einem eingestürzten Tempel, was auf den Verlust und die Zerstörung hindeutet, die Grabbe durch seinen frühen Tod erlitten hat. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine tiefe Trauer und Bewunderung für Grabbe und seine Dichtung.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Dumpf herüber schon
- Anspielung
- Dies Haus bewohnten Don Juan und Faust
- Bildlichkeit
- Ich sah´ ihn neben mir die ganze Nacht
- Hyperbel
- Auf hundert Fragen mußt´ ich Antwort haben
- Kontrast
- Doch anders ging es auf des Lagers Saum
- Metapher
- Träumt´ ich von einem eingestürzten Tempel
- Personifikation
- Sie betete: "Nun danket alle Gott!"
- Symbolik
- Mit Lorbeern und mit Immortellen