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Bei einem Carneval

Von

Das Spiel der Welt besteht aus Mummereien:
Ein Hofmann schleicht in priesterlicher Tracht;
Als Nonne winkt die Nymphe Schmeicheleien;
Ein Wuchrer stutzt in eines Sultans Pracht;
Der falsche Phrax erscheint im Schäferkleide;
Als Bäurin stampft die zarte Flavia;
Verblendend glänzt im stolzen Erbgeschmeide
Atossa selbst, der Läufer Zulica;
Als Fledermaus läßt Phryne sich nicht nennen,
Auch Myrtis nicht, der bunte Papagei.
O möchte man stets jedem sagen können:
Dich, Maske, kenn′ ich; … nur vorbei!

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Gedicht: Bei einem Carneval von Friedrich von Hagedorn

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Bei einem Carneval“ von Friedrich von Hagedorn entlarvt die Maskerade und Scheinheiligkeit, die die Welt beherrscht. Es ist eine kritische Betrachtung der Gesellschaft, die im Gewand des Karnevals präsentiert wird. Das Gedicht ist als eine Art Inventar der menschlichen Täuschung konzipiert, indem es verschiedene Charaktere und ihre jeweiligen Verkleidungen aufzählt, die die Weltbühne bevölkern.

Die Liste der Maskierten ist breit gefächert und umfasst verschiedene soziale Schichten und Berufe. Ein Hofschranz verkleidet sich als Priester, während eine Nymphe die Rolle der Schmeichelei spielt. Ein Wucherer versteckt sich in der Pracht eines Sultans, und ein Betrüger präsentiert sich als Schäfer. Diese Aufzählung verdeutlicht, dass die Täuschung in allen Bereichen der Gesellschaft präsent ist und keine Ausnahme darstellt. Die Vielfalt der Masken zeigt die Vielschichtigkeit der menschlichen Natur und die unterschiedlichen Wege, wie Menschen versuchen, ihre wahren Absichten zu verbergen.

Die Verwendung von Namen wie „Flavia“ und „Atossa“ verleiht dem Gedicht eine klassische Note und unterstreicht die zeitlose Natur der Thematik. Die Erwähnung von „Phryne“ und „Myrtis“ als verkleidete Figuren deutet auf die Verwandlung von Schönheit und Unschuld in Masken hin, die ihr wahres Wesen verbergen. Der Karneval wird somit zu einem Spiegelbild der Gesellschaft, in dem die Grenzen zwischen Realität und Illusion verschwimmen.

Der letzte Vers, „Dich, Maske, kenn’ ich; … nur vorbei!“, ist der Höhepunkt des Gedichts. Er drückt eine müde Erkenntnis und den Wunsch nach dem Ende der Maskerade aus. Der Sprecher scheint die Täuschung durchschaut zu haben und sehnt sich danach, die Masken fallen zu lassen und die wahre Natur der Menschen zu erkennen. Die Kürze des letzten Satzes betont die Entschlossenheit und das Gefühl der Überdrüssigkeit gegenüber dem andauernden Spiel der Welt. Das Gedicht ist somit eine Aufforderung zur Aufrichtigkeit und zur Ablehnung der Oberflächlichkeit.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.