Bei der Marien-Bergkirche
1845Am Geburtstag des Freundes
O liebste Kirche sondergleichen, Auf deinem Berge ganz allein, Im Wald, wo Linden zwischen Eichen Ums Chor den Maienschatten streun!
Aus deinem grünen Rasen steigen Die alten Pfeiler prächtig auf, An Drachen, Greifen, Laubgezweigen Reich bis zum letzten Blumenknauf.
Und Nachtigall und Kuckuck freuen Sich dein- und ihrer Einsamkeit, Sie kommen jährlich und erneuen Dir deine erste Frühlingszeit.
Der Wohllaut deiner Orgeltöne Schläft, ach, manch lieben langen Tag, Bis einmal sich dein Tal der Schöne Deines Geläutes freuen mag.
Dort, wo aus gelbem Stein gewunden Die Treppe hängt, ein Blumenkranz, Vertieft sich heut in Abendstunden Mein Sinn in ihre Zierde ganz.
Sieh! ihre leicht geschlungnen Glieder Verklären sich in rotes Gold! Und horch, die Spindel auf und nieder Gehn Melodieen wunderhold!
Musik der hundertfachen Flöte, Die mit dem letzten Strahl verschwebt, Und schweigt - bis sie die Morgenröte Des gleichen Tages neu belebt.
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Interpretation
Das Gedicht "Bei der Marien-Bergkirche" von Eduard Mörike ist eine Ode an eine einsame Kirche auf einem Berg, die von Natur und Musik umgeben ist. Der Sprecher beschreibt die Kirche als einzigartig und liebenswert, die inmitten eines Waldes aus Eichen und Lindenbäumen liegt. Die alten Pfeiler der Kirche sind mit Drachen, Greifen und Laub verziert, was auf eine gotische Architektur hindeutet. Die Natur um die Kirche herum wird als lebendig und fröhlich dargestellt. Nachtigall und Kuckuck, zwei Vögel, die oft mit Frühling und Einsamkeit assoziiert werden, freuen sich über die Einsamkeit der Kirche und kehren jedes Jahr zurück, um die Frühlingszeit zu erneuern. Die Orgelklänge der Kirche schlafen jedoch oft, bis jemand das Tal erreicht und die Schönheit des Geläuts genießen kann. Im letzten Teil des Gedichts konzentriert sich der Sprecher auf eine Treppe aus gelbem Stein, die wie ein Blumenkranz um die Kirche herumführt. In den Abendstunden vertieft sich der Sprecher in die Zierde der Treppe und beobachtet, wie sie sich in rotes Gold verwandelt. Die Treppe wird mit einer musikalischen Spindel verglichen, die Melodien von hundertfachen Flöten spielt. Diese Musik schwebt mit dem letzten Strahl des Tages und schweigt, bis die Morgendämmerung sie am nächsten Tag neu belebt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Sich dein- und ihrer Einsamkeit
- Beschreibung
- Aus deinem grünen Rasen steigen / Die alten Pfeiler prächtig auf
- Bildsprache
- Verklären sich in rotes Gold
- Hyperbel
- Musik der hundertfachen Flöte
- Kontrast
- Schläft, ach, manch lieben langen Tag / Bis einmal sich dein Tal der Schöne / Deines Geläutes freuen mag
- Metapher
- Die Treppe hängt, ein Blumenkranz
- Personifikation
- Die Nachtigall und der Kuckuck freuen sich
- Symbolik
- Die Kirche als Symbol für Einsamkeit und Schönheit