Bei Beethovens Begräbnisse
1839Was strömt das Volk dort jenem Haus entgegen, An dessen Thor sich seine Woge bricht? Unzählbar eilt es hin auf allen Wegen, Es faßt der Raum die Fluth der Menge nicht! – Und von den Thürmen tönt’s in dumpfen Schlägen, Um einen Sarg reiht sich der Fackeln Licht, Und Trauersang und der Posaunen Klänge Ertönen in’s entfernteste Gedränge.
Liegt dort ein König? geht ein Fürst zu Grabe, Daß weinend ihn ein ganzes Volk beklagt? Ich sehe nichts von Herrscherbind’ und Stabe Auf jener Bahre, wo das Kreuz nur ragt! Und doch war eine Krone seine Habe, Und doch ist es ein König, den Ihr tragt: Gekrönt hat ihn die himmlische Kamöne, Und König ist er in dem Reich der Töne.
Und auf sieht man den Sarg vom Boden heben, Auf treuen Schultern ruhet seine Last; Und sechs ruhmwürd’ge Meister ziehn daneben, Des Bahrtuchs Bänder haben sie gefaßt;
Ja, alle, die der Kunst, der hohen leben, Begleiten ihn zu seiner letzten Rast: Und die ihn liebten, Freunde nah’ und ferne, Nach blicken sie dem ausgeglommnen Sterne.
So naht der Zug dem stillen Friedensorte, Wo schon der Erde Mund sich aufgethan, Geöffnet harrt die dunkle Grabespforte, Was sterblich war am Todten, zu empfahn! Und als verhallt die letzten Klageworte, Und als das Licht wegschied vom Himmelsplan, Versinkt der Sarg, und unsre Augen sehen Zugleich zwei Sonnen von der Erde gehen! –
Und um das Grab schließt, mit bethränter Wange, Von heimatlichen Sängern sich ein Kreis: Ein jeder legt mit liebevollem Drange Auf jenen Hügel Blüthe, Blume, Reis; Nicht einen Wettkampf gilt es im Gesange, Hier ringet Keiner um des Liedes Preis; Nur ihre Klagen wollen sie vereinen, Gemeinsam trauern, Ihn vereint beweinen!
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Interpretation
Das Gedicht "Bei Beethovens Begräbnis" von Joseph Christian von Zedlitz schildert die bewegende Szene der Beerdigung des berühmten Komponisten Ludwig van Beethoven. Es beginnt mit einer Beschreibung der großen Menschenmenge, die sich vor Beethovens Haus versammelt hat, um Abschied zu nehmen. Der Dichter betont die überwältigende Anzahl der Trauernden und die Schwierigkeit, die Menge zu fassen. Die Atmosphäre wird durch das Läuten der Glocken, das Licht der Fackeln und den Trauersang sowie die Klänge der Posaunen verstärkt. In der zweiten Strophe stellt sich die Frage, ob ein König oder Fürst zu Grabe getragen wird, da ein ganzes Volk in Trauer versunken ist. Doch es wird deutlich, dass es sich um Beethoven handelt, der zwar keine irdische Krone trug, aber dennoch als König in der Welt der Töne gilt. Der Dichter betont Beethovens Bedeutung als Musiker und Komponist, der durch seine himmlische Kamöne gekrönt wurde. Die dritte Strophe beschreibt den Trauerzug, bei dem der Sarg auf treuen Schultern getragen wird. Sechs ruhmreiche Meister begleiten Beethoven, indem sie die Bänder des Bahrtuchs ergreifen. Es ist ein Zusammenschluss aller, die der hohen Kunst leben, die Beethoven zu seiner letzten Ruhestätte begleiten. Freunde, nahe und ferne, blicken ihm nach wie einem erloschenen Stern. Die vierte Strophe führt den Trauerzug zum stillen Friedensort, wo sich die Erde bereits geöffnet hat, um das Sterbliche des Toten aufzunehmen. Nachdem die letzten Klageworte verhallt sind und das Licht vom Himmel verschwunden ist, versinkt der Sarg in der Erde. Der Dichter verwendet das Bild zweier Sonnen, die gleichzeitig von der Erde gehen, um die Bedeutung Beethovens zu verdeutlichen. Die letzte Strophe beschreibt, wie sich ein Kreis von heimischen Sängern um das Grab schließt. Jeder legt mit liebevoller Hingabe Blüten, Blumen und Reis auf den Hügel. Es geht nicht um einen Wettkampf im Gesang, sondern um die Vereinigung ihrer Klagen und das gemeinsame Trauern um Beethoven.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- der Posaunen Klänge
- Bildsprache
- Mit bethränter Wange
- Hyperbel
- Und doch war eine Krone seine Habe
- Kontrast
- Nicht einen Wettkampf gilt es im Gesange
- Metapher
- Zugleich zwei Sonnen von der Erde gehen
- Personifikation
- Wo schon der Erde Mund sich aufgethan
- Symbolik
- Blüthe, Blume, Reis