Beguinage
1907I
Das hohe Tor scheint keine einzuhalten, die Brücke geht gleich gerne hin und her, und doch sind sicher alle in dem alten offenen Ulmenhof und gehen nicht mehr aus ihren Häusern, als auf jenem Streifen zur Kirche hin, um besser zu begreifen warum in ihnen soviel Liebe war.
Dort knien sie, verdeckt mit reinem Leinen, sogleich, als wäre nur das Bild der einen tausendmal im Choral, der tief und klar zu Spiegeln wird an den verteilten Pfeilern; und ihre Stimmen gehen den immer steilern Gesang hinan und werfen sich von dort, wo es nicht weitergeht, vom letzten Wort, den Engeln zu, die sie nicht wiedergeben.
Drum sind die unten, wenn sie sich erheben und wenden, still. Drum reichen sie sich schweigend mit einem Neigen, Zeigende zu zeigend Empfangenden, geweihtes Wasser, das die Stirnen kühl macht und die Munde blaß.
Und gehen dann, verhangen und verhalten, auf jenem Streifen wieder überquer - die Jungen ruhig, ungewiß die Alten und eine Greisin, weilend, hinterher - zu ihren Häusern, die sie schnell verschweigen und die sich durch die Ulmen hin von Zeit zu Zeit ein wenig reine Einsamkeit, in einer kleinen Scheibe schimmernd, zeigen. II
Was aber spiegelt mit den tausend Scheiben das Kirchenfenster in den Hof hinein, darin sich Schweigen, Schein und Widerschein vermischen, trinken, trüben, übertreiben, phantastisch alternd wie ein alter Wein.
Dort legt sich, keiner weiß von welcher Seite, außen auf Inneres und Ewigkeit auf Immer-Hingehn, Weite über Weite, erblindend, finster, unbenutzt, verbleit.
Dort bleibt, unter dem schwankenden Dekor des Sommertags, das Graue alter Winter: als stünde regungslos ein sanftgewinnter langmütig lange Wartender dahinter und eine weinend Wartende davor.
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Interpretation
Das Gedicht "Beguinage" von Rainer Maria Rilke beschreibt eine Szene in einem Beginenhof, einem mittelalterlichen Wohn- und Lebensort für Frauen, die sich einem frommen Leben widmeten. Das Gedicht ist in zwei Teile gegliedert, die jeweils eine andere Perspektive auf den Ort und die dort lebenden Frauen einnehmen. Im ersten Teil schildert Rilke die Frauen bei ihrem Gebet in der Kirche des Beginenhofs. Die hohe, offene Architektur der Kirche wird durch das Bild der Brücke und des Tores angedeutet, die "gleich gerne hin und her" gehen. Die Frauen knien in Reinheit und Hingabe, ihre Stimmen erheben sich im Choral und erreichen schließlich die Engel, die sie nicht zurückgeben können. Nach dem Gebet verlassen die Frauen schweigend die Kirche und kehren in ihre Häuser zurück, die durch die Ulmenbäume hindurch nur selten einen Blick auf die "reine Einsamkeit" gewähren. Im zweiten Teil richtet sich Rilkes Blick auf die Fenster der Kirche, die tausendfach den Hof spiegeln. Das Licht und die Schatten vermischen sich zu einem Bild, das an einen alten, phantastisch gereiften Wein erinnert. Es scheint, als würde von außen eine dunkle, vergessene Seite auf das Innere und die Ewigkeit des Ortes fallen. Das Gedicht endet mit dem Bild eines geduldigen Wartenden, der hinter dem Grauen des Winters steht, und einer weinenden Wartenden, die davor steht. Dies könnte als Symbol für die Hoffnung und das Leiden der Frauen im Beginenhof interpretiert werden.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- und eine weinend Wartende davor
- Personifikation
- die Brücke geht gleich gerne hin und her