Begrüßung des Meeres

Anastasius Grün

1806

Unermeßlich und unendlich, Glänzend, ruhig, ahnungschwer, Liegst du vor mir ausgebreitet, Altes, heil’ges, ew’ges Meer!

Soll ich dich mit Thränen grüßen, Wie die Wehmuth sie vergießt, Wenn sie trauernd auf dem Friedhof Manch ein theures Grab begrüßt?

Denn ein großer, stiller Friedhof, Eine weite Gruft bist du, Manches Leben, manche Hoffnung Deckst du kalt und fühllos zu;

Keinen Grabstein wahrst du ihnen, Nicht ein Kreuzlein, schlicht und schmal, Nur am Strande wandelt weinend Manch ein lebend Trauermal.

Soll ich dich mit Jubel grüßen, Jubel, wie ihn Freude zollt, Wenn ein weiter, reicher Garten Ihrem Blick sich aufgerollt?

Denn ein unermeß’ner Garten, Eine reiche Flur bist du, Edle Keime deckt und Schätze Dein kristallner Busen zu.

Wie des Gartens üpp’ge Wiesen Ist dein Plan auch glatt und grün, Perlen und Korallenhaine Sind die Blumen, die dir blühn.

Wie im Garten stille Wandler Ziehn die Schiffe durch das Meer, Schätze fordernd, Schätze bringend, Grüßend, hoffend, hin und her. –

Sollen Thränen, soll mein Jubel Dich begrüßen, Ozean? Nicht’ger Zweifel, eitle Frage, Da ich doch nicht wählen kann!

Da doch auch der höchste Jubel Mir vom Aug’ als Thräne rollt, So wie Abendschein und Frühroth Stets nur Thau den Bäumen zollt.

Zu dem Herrn empor mit Thränen War mein Aug’ im Dom gewandt; Und mit Thränen grüßt’ ich wieder Jüngst mein schönes Vaterland;

Weinend öffnet’ ich die Arme, Als ich der Geliebten nah; Weinend kniet’ ich auf den Höhen, Wo ich dich zuerst ersah.

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Illustration zu Begrüßung des Meeres

Interpretation

Das Gedicht "Begrüßung des Meeres" von Anastasius Grün ist ein Loblied auf die Schönheit und den Reichtum des Meeres. Der Dichter beschreibt das Meer als unermesslich und unendlich, glänzend und ruhig. Er fragt sich, ob er das Meer mit Thränen oder mit Jubel begrüßen soll, da es sowohl ein Friedhof als auch ein Garten ist. Im ersten Teil des Gedichts vergleicht der Dichter das Meer mit einem Friedhof. Er sieht es als einen Ort des Todes und der Trauer, an dem viele Leben und Hoffnungen begraben sind. Doch im zweiten Teil des Gedichts betrachtet er das Meer als einen Garten voller Schätze und Schönheit. Er beschreibt es als einen Ort der Fülle und des Lebens, an dem Schiffe wie stille Wanderer durch die Wellen ziehen. Der Dichter kommt zu dem Schluss, dass er das Meer weder mit Thränen noch mit Jubel begrüßen kann, da beide Emotionen untrennbar miteinander verbunden sind. Er vergleicht dies mit dem Tau, der sowohl am Abend als auch am Morgen auf den Bäumen liegt. Am Ende des Gedichts erinnert sich der Dichter an seine eigenen Tränen, die er in verschiedenen Situationen vergossen hat, wie zum Beispiel im Dom oder bei der Ankunft in seinem Vaterland. Er schließt das Gedicht mit der Aussage, dass er das Meer mit Tränen begrüßt hat, als er es zum ersten Mal erblickte.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Weinend kniet’ ich auf den Höhen, Wo ich dich zuerst ersah
Personifikation
Nicht ein Kreuzlein, schlicht und schmal, Nur am Strande wandelt weinend Manches lebend Trauermal
Rhetorische Frage
Sollen Thränen, soll mein Jubel Dich begrüßen, Ozean?
Vergleich
So wie Abendschein und Frühroth Stets nur Thau den Bäumen zollt