Begräbnis eines verfemten Dichters
Wenn sich dumpf der Abend senkt
Wird den Dichterleib, den starren,
Einst ein Mann, der christlich denkt,
Hinter altem Schutt verscharren.
Keusche Sterne schliessen sacht
Ihre Augen schlafbezwungen,
Spinne dort ihr Netzlein macht,
Und die Viper ihre Jungen.
Nächtlich hörst zum Zeitvertreibe
Über dem verfemten Leibe
Du der wilden Wölfe Schrei′n
Und der Hexen tolle Weisen,
Schlüpfrig Scherzen mit den Greisen,
Schwarzer Schelme Gaunerein.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Begräbnis eines verfemten Dichters“ von Charles Baudelaire ist eine düstere, morbide Betrachtung des Todes eines Dichters, der zu Lebzeiten von der Gesellschaft verachtet wurde. Es zeichnet ein Bild der posthumen Entweihung und des Schutzeslos- und Verlassenseins, das den Körper des Dichters nach seinem Tod erwartet, fernab jeglicher christlicher Segnung oder menschlichen Trostes.
Die ersten beiden Strophen beschreiben die trübe Atmosphäre der Beerdigung. Der „dumpfe Abend“ und das „alte Schutt“ erzeugen ein Gefühl von Verfall und Isolation. Der „Mann, der christlich denkt“, der den Dichter beerdigt, deutet auf die religiöse Ablehnung des Dichters hin, was darauf hindeutet, dass er nicht in würdevoller Weise begraben wird. Die „keuschen Sterne“ und die „Spinne“ und „Viper“ symbolisieren die unbarmherzige Natur, die sich den Überresten des Dichters zuwendet und einen Kontrast zur erwarteten Ruhe und dem Frieden eines Grabes bildet.
Die dritte Strophe taucht tiefer in das Grauen ein, indem sie die nächtlichen Geräusche und Szenen beschreibt, die über dem Grab des Dichters stattfinden werden. „Wilde Wölfe Schrei’n“ und „Hexen tolle Weisen“ deuten auf eine groteske und dämonische Feier hin, die von Kreaturen der Dunkelheit und des Chaos inszeniert wird. Diese Bilder stehen im krassen Gegensatz zur Vorstellung einer ruhigen und ehrfürchtigen Ruhestätte und verstärken das Gefühl der Verachtung und des Unheils, das den toten Dichter umgibt.
Die letzte Strophe unterstreicht die Verlassenheit und Erniedrigung des Dichters nach dem Tod. „Schlüpfrig Scherzen mit den Greisen“ und „schwarzer Schelme Gaunerein“ beschreiben eine Welt des Verfalls und der Bosheit, in der der Dichter dem Spott und der Verachtung seiner Gegner ausgeliefert ist. Das Gedicht vermittelt so einen Zustand der ewigen Verdammnis, in dem der Dichter nicht nur von der lebenden Gesellschaft verstoßen, sondern auch nach seinem Tod in einem Zustand der ewigen Vereinsamung und des Makaberen zurückgelassen wird. Baudelaire drückt hier seine pessimistische Sicht auf die menschliche Existenz und die Unbarmherzigkeit der Welt aus.
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Lizenz und Verwendung
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