Begegnung
1912Verschlossen willst du′s tragen, Du willst es nie ihr sagen, Wovon dein Herz so wund; Sie wird ja nie dein eigen, Drum hüte männlich Schweigen Den Hort im Seelengrund.
Doch da vernimmt dein Lauschen Leis ihres Kleides Rauschen, Den Schritt, dir wohlbekannt, Dieß leichtbeschwingte Schreiten, Wie Fee′n im Mondlicht gleiten, Bis selbst sie vor dir stand.
Die Brust wird dir so enge, Der Athem stockt, es dränge Heraus kein Wörtchen klein; Mit Schauern, die beglücken, Mit Gluthen, die erquicken, Durchfiebert′s dein Gebein.
Es will das Knie sich beugen, Von ihrem Werth zu zeugen, Zu huld′gen ihrer Macht; Die Arme möchten fliegen, Den Liebreiz zu umschmiegen, Doch hältst du strenge Wacht.
Wie deine Augen leuchten, Dann wieder mild sich feuchten, Wie dir die Wange glüht! Das Herz muß hörbar schlagen; Wie sich die Pulse jagen, Wie′s durch die Adern sprüht!
Ein Aufschrei aller Sinne Verräth die stille Minne, Gibt dein Geheimniß kund; Und reden solche Zeugen, Dann spricht mit seinem Schweigen Viel lauter noch dein Mund.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Begegnung" von Anastasius Grün handelt von der inneren Zerrissenheit eines Menschen, der seine Liebe verbergen möchte, jedoch bei der Begegnung mit der Geliebten nicht mehr Herr seiner Gefühle ist. Zu Beginn des Gedichts wird die Absicht des lyrischen Ichs deutlich, seine Liebe zu verschweigen und in der Tiefe seiner Seele zu bewahren, da er weiß, dass er die Angebetete nie besitzen wird. Dieses selbst auferlegte Schweigen wird als männliche Pflicht dargestellt. Doch bei der plötzlichen Begegnung mit der Geliebten gerät die Kontrolle des lyrischen Ichs ins Wanken. Die Sinne werden überwältigt von der Anwesenheit der Angebeteten, deren Nähe als magisch und beinahe überirdisch beschrieben wird. Die körperlichen Reaktionen wie stockender Atem, glühende Wangen und ein pochendes Herz verraten die unterdrückten Gefühle. Der Versuch, die aufwallenden Emotionen zu zügeln, scheitert an der Intensität des Erlebten. Im Schluss des Gedichts wird deutlich, dass die nonverbale Kommunikation die verborgene Liebe offenbart. Die gesteigerten Sinneswahrnehmungen und die sichtbaren Anzeichen der Verliebtheit lassen das Geheimnis nicht länger verborgen bleiben. Das Schweigen des lyrischen Ichs spricht somit lauter als Worte und verrät die tiefe Zuneigung, die es zu verbergen suchte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Brust wird dir so enge
- Bildsprache
- Mit Schauern, die beglücken, Mit Gluthen, die erquicken
- Hyperbel
- Wie dir die Wange glüht
- Metapher
- Den Hort im Seelengrund
- Vergleich
- Wie Fee'n im Mondlicht gleiten