Begegnung
1920Ich sah dich schon. Im Sonnenschein beim Roggenfeld am Wiesenrain stand wilder Mohn; die Kelche blühten blutrot breit, den Schoß voll blauer Dunkelheit, und jäh aus einer Knospe quoll ihr glühendes Seelchen, unruhvoll.
So sah ich Dich, du knospiges Kind, erglühn, gestern im Feld am stillen Fichtenhain, als im Vorübergehn mein Blick dich küßte; mit allen Adern schienst du aufzublühn, so scheu und rein, als ob ich um Verzeihung bitten müßte.
War′s ein Erglühn? War′s nur ein Widerschein? das Rot des roten Sommerkleids um dich? das Abendrot, das fern verglomm im Tann? War′s ein Erglühn, das erste war es dann, das deine jungen Schläfen so beschlich; so bang, so schwer sahst du mich an, so fast voll Angst zurück nach mir, als du verschwandest sacht im dichten Gewühl der silbergrünen Fichten.
Doch meine Seele folgte dir, dein blautief Auge blieb in mir.
Ich sah dich schon, du flüchtendes Kind: heiß durch den Roggen strich der Wind und bebend neigte sich der Mohn. Ich hab eine rote Blüte verwehn, zwischen den Halmen zerflattem sehn, und habe den Blättern nachgeträumt; und immer ist mir noch, ich schaue in ihren Kelch, der glutumsäumt sich jäh vertieft ins Dunkle, Blaue…
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Interpretation
Das Gedicht "Begegnung" von Richard Dehmel beschreibt eine intensive und flüchtige Begegnung zwischen dem lyrischen Ich und einem jungen Mädchen. Die Begegnung wird durch eine Naturmetapher eingeleitet, bei der ein wildes Mohnblütenfeld die Atmosphäre der Begegnung widerspiegelt. Das Mädchen wird als "knospiges Kind" beschrieben, das unter dem Blick des lyrischen Ichs aufblüht, was auf eine plötzliche emotionale Erweckung hindeutet. Die Begegnung wird als ein Moment intensiver, fast überwältigender Schönheit und Verletzlichkeit dargestellt. Das Mädchen erscheint schüchtern und rein, als ob es um Verzeihung bitten müsste, was die tiefe emotionale Wirkung der Begegnung auf beide Seiten unterstreicht. Die Frage, ob das Erglühen des Mädchens echt oder nur ein Widerschein des roten Kleides oder des Abendrots ist, lässt die Intensität des Moments in einem mystischen Licht erscheinen. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass die Seele des lyrischen Ichs dem Mädchen folgt, auch nachdem es in den Fichtenwald verschwunden ist. Das Bild des Mohnfeldes, das vom Wind bewegt wird, symbolisiert die flüchtige Natur der Begegnung, während die tiefe blaue Farbe des Mohnkelchs die unauslöschliche Erinnerung an das Mädchen und die Begegnung in der Seele des lyrischen Ichs darstellt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- sacht im dichten Gewühl der silbergrünen Fichten
- Bildsprache
- Ich hab eine rote Blüte verwehn, zwischen den Halmen zerflattem sehn
- Hyperbel
- mit allen Adern schienst du aufzublühn
- Rhetorische Frage
- War's ein Erglühn? War's nur ein Widerschein?
- Vergleich
- So sah ich Dich, du knospiges Kind