Begegnung

Eduard Mörike

1838

Was doch heut′ nacht ein Sturm gewesen, bis erst der Morgen sich geregt! Wie hat der ungebetne Besen Kamin und Gassen ausgefegt!

Da kommt ein Mädchen schon die Straßen, das halb verschüchtert um sich sieht; wie Rosen, die der Wind zerblasen, so unstet ihr Gesichtchen glüht.

Ein schöner Bursch tritt ihr entgegen, er will ihr voll Entzücken nahn: Wie sehn sich freudig und verlegen die ungewohnten Schelme an!

Er scheint zu fragen, ob das Liebchen die Zöpfe schon zurecht gemacht, die heute nacht im offnen Stübchen ein Sturm in Unordnung gebracht.

Der Bursche träumt noch von den Küssen, die ihm das süße Kind getauscht, er steht, von Anmut hingerissen, derweil sie um die Ecke rauscht.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Begegnung

Interpretation

Das Gedicht "Begegnung" von Eduard Mörike erzählt von einem stürmischen Abend und einer zufälligen Begegnung am Morgen danach. Der Sturm hat die Nacht über Unordnung gestiftet, doch mit dem Morgen erwacht eine neue Atmosphäre. Ein Mädchen geht durch die Straßen, noch etwas verstört vom nächtlichen Unwetter, ihr Gesicht leuchtet wie Rosen, die vom Wind zerzaust wurden. Diese Beschreibung vermittelt eine Mischung aus Verletzlichkeit und Schönheit. Ein burschiger junger Mann tritt ihr entgegen, voller Begeisterung und Zögern zugleich. Die beiden betrachten sich gegenseitig mit einer Mischung aus Freude und Verlegenheit, als wären sie sich fremd, obwohl eine tiefe Vertrautheit zwischen ihnen zu spüren ist. Der Bursch scheint nach ihrem Wohlergehen zu fragen, insbesondere nach ihren Zöpfen, die der Sturm in der vergangenen Nacht im Zimmer in Unordnung gebracht haben könnte. Dies deutet auf eine intime Verbindung hin, die über das bloße Kennenlernen hinausgeht. Der Bursch träumt noch von den Küssen, die er von dem süßen Mädchen ausgetauscht hat, was auf eine leidenschaftliche Nacht hindeutet. Er steht verzaubert von ihrer Anmut, während sie eilig um die Ecke huscht. Das Gedicht endet mit einem Hauch von Geheimnis und unausgesprochener Zärtlichkeit, die in der Luft liegt. Es fängt die flüchtige Schönheit einer zufälligen Begegnung und die tiefe Verbundenheit ein, die in einem einzigen Moment entstehen kann.

Schlüsselwörter

nacht sturm heut gewesen erst morgen geregt ungebetne

Wortwolke

Wortwolke zu Begegnung

Stilmittel

Enjambement
er will ihr voll Entzücken nahn: Wie sehn sich freudig und verlegen die ungewohnten Schelme an
Kontrast
freudig und verlegen
Personifikation
bis erst der Morgen sich geregt
Vergleich
wie Rosen, die der Wind zerblasen, so unstet ihr Gesichtchen glüht