Begegnung
1891Mich führte durch den Tannenwald Ein stiller Pfad, ein tief verschneiter, Da, ohne dass ein Huf gehallt, Erblickt ich plötzlich einen Reiter.
Nicht zugewandt, nicht abgewandt, Kam er, den Mantel umgeschlagen, Mir deuchte, dass ich ihn gekannt In alten, längst verschollnen Tagen.
Der jungen Augen wilde Kraft, Des Mundes Trotz und herbes Schweigen, Ein Zug von Traum und Leidenschaft Berührte mich so tief und eigen.
Sein Rösslein zog auf weisser Bahn Vorbei mit ungehörten Hufen. Mich fassts mit Lust und Grauen an, Ihm Gruss und Namen nachzurufen.
Doch keinen Namen hab ich dann Als meinen eigenen gefunden, Da Ross und Reiter schon im Tann Und hinterm Schneegeflock verschwunden.
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Interpretation
Das Gedicht "Begegnung" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt eine mysteriöse und faszinierende Begegnung im tief verschneiten Tannenwald. Der Erzähler folgt einem stillen Pfad und erblickt plötzlich einen Reiter, der ohne Geräusch an ihm vorbeizieht. Der Reiter ist ihm vertraut, als ob er ihn aus längst vergangenen Tagen kennt, obwohl er ihm nicht zugewandt oder abgewandt ist. Die wilde Kraft seiner Augen, der Trotz seines Mundes und sein herbes Schweigen berühren den Erzähler tief und eigenartig. Der Reiter und sein Rösslein ziehen auf einer weißen Bahn vorbei, wobei das Pferd lautlos über den Schnee gleitet. Der Erzähler fühlt eine Mischung aus Lust und Grauen und ist versucht, dem Fremden Gruß und Namen nachzurufen. Doch bevor er dies tun kann, ist der Reiter bereits im Tann verschwunden und hinter dem Schneeflock verborgen. Am Ende des Gedichts erkennt der Erzähler, dass er keinen Namen für den Reiter finden kann außer seinen eigenen. Dies deutet darauf hin, dass die Begegnung eine innere Auseinandersetzung oder eine Begegnung mit sich selbst sein könnte. Die mysteriöse und faszinierende Natur der Begegnung bleibt bestehen, da der Erzähler den Reiter nicht identifizieren kann und er in den Tiefen des Waldes und Schnees verschwindet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Tannenwald, tief verschneiter
- Bildsprache
- Mich führte durch den Tannenwald
- Enjambement
- Vorbei mit ungehörten Hufen. Mich fassts
- Personifikation
- Nicht zugewandt, nicht abgewandt
- Vergleich
- Des Mundes Trotz und herbes Schweigen