Beatrice

Charles-Pierre Baudelaire

unknown

Ich ging durch kahles Land, durch sandig dürre Heide Und klagte der Natur die Schmerzen, die ich leide, Und wie mein Sinnen flog, vom Zufall nur gelenkt, Fühlt′ ich, wie sich ein Dolch langsam ins Herz mir senkt. Und sah steil über mir im schwülen Mittagsschweigen Ein finster Wolkenbild sich mählich abwärts neigen. Böser Dämonen Schar die finstre Wolke trug, Zwergartig, lasterhaft, grausam und voller Lug. Keck lenkten sie auf mich die Blicke hin wie Laffen, Die im Vorübergehn nach einem Tölpel gaffen. Sie lachten, flüsterten und tauschten listig flink Manch freches Zeichen aus und manch geheimen Wink:

»Schaut dieses Zerrbild an in voller Prachtentfaltung, Des Hamlet Schatten ist′s, nachäffend Gang und Haltung, Sein unentschlossner Blick, im Wind sein flatternd Haar, Ein jammervolles Bild stellt dieser Wüstling dar. Es glaubt der Komödiant, der Lump der närrischtolle, Weil er bis jetzt gespielt ganz artig seine Rolle, Dass er sie alle rührt mit seinem Weh und Ach, Adler und Grille dort und Blumen, Wald und Bach; Selbst uns, die wir genau die alten Kniffe kennen, Trägt er sein Leiden vor mit Heulen und mit Flennen!«

Ich hätte (denn mein Stolz, hochragend wie die Berge, Steht überm Hohngeschrei heimtückisch böser Zwerge), Ich hätt′ mein fürstlich Haupt stillächelnd abgewandt, Hätt′ ich im tollen Schwarm nicht sie, nicht sie erkannt. O Frevel, unerhört! Schwankt droben nicht die Sonne? Sie mit dem Götterblick, sie meiner Seele Wonne, Sie lachte meiner Not in meiner Feinde Schar, Bot ihrer Unzucht sich schamlos und zärtlich dar.

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Illustration zu Beatrice

Interpretation

Das Gedicht "Beatrice" von Charles-Pierre Baudelaire beschreibt eine seelische Qual des lyrischen Ichs, das durch eine karge Landschaft wandert und seine Schmerzen der Natur klagt. Die innere Zerrissenheit wird durch den langsam ins Herz sinkenden Dolch symbolisiert. In einer schwülen Mittagsstille erscheint eine finstere Wolke, die von einem Haufen bösartiger Dämonen getragen wird. Diese spötteln über das lyrische Ich, das sie als Hamlet-Nachahmer und jammervollen Wüstling verspotten. Das lyrische Ich, dessen Stolz hoch wie Berge ragt, hätte die Spötteleien der Dämonen ignorieren können, hätte es nicht die geliebte Beatrice in ihrer Mitte erkannt. In einem Ausbruch des Entsetzens fragt das Ich, ob die Sonne noch über ihnen steht, da Beatrice, die einst göttlichen Blickes und Quelle seiner Seelenfreude war, nun inmitten der Feinde lacht und sich ihnen schamlos und zärtlich hingibt. Das Gedicht schildert somit den tiefen Schmerz und die seelische Zerrissenheit des lyrischen Ichs angesichts der vermeintlichen Untreue der geliebten Beatrice.

Schlüsselwörter

böser schar voller manch dar hätt ging kahles

Wortwolke

Wortwolke zu Beatrice

Stilmittel

Alliteration
Steh't überm Hohngeschrei heimtückisch böser Zwerge
Anspielung
Des Hamlet Schatten ist's, nachäffend Gang und Haltung
Enjambement
Ich hätt' mein fürstlich Haupt stillächelnd abgewandt, / Hätt' ich im tollen Schwarm nicht sie, nicht sie erkannt.
Hyperbel
Mein Stolz, hochragend wie die Berge
Ironie
Weil er bis jetzt gespielt ganz artig seine Rolle
Kontrast
Adler und Grille dort und Blumen, Wald und Bach
Metapher
Ich ging durch kahles Land, durch sandig dürre Heide
Personifikation
Und klagte der Natur die Schmerzen, die ich leide
Symbolik
Böser Dämonen Schar die finstre Wolke trug
Vergleich
Keck lenkten sie auf mich die Blicke hin wie Laffen