Baumpredigt

Anastasius Grün

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Um Mitternacht, wenn Schweigen rings, Beginnt’s durch Waldesräume, Und wo sonst Büsch’ und Bäume stehn, Zu flüstern, rascheln und zu wehn, Denn Zwiesprach halten die Bäume.

Der Rosenbaum loht lustig auf, Duft raucht aus seinen Gluthen: »Ein Rosenleben reicht nicht weit, Drum soll’s, je kürzer seine Zeit, So voller, heller verbluten!«

Die Esche spricht: »Gesunkner Tag, Mich täuscht nicht Glanz und Flittern! Dein Sonnenstrahl ist Todesstahl, Gezückt aufs Rosenherz zumal, Doch auch wir Andern zittern!«

Die schlanke Pappel spricht, und hält Zum Himmel die Arm’ erhoben: »Dort strömt ein lichter Siegesquell, Der rauscht so süß und glänzt so hell, Drum wall’ ich sehnend nach oben!«

Die Weide blickt zur Erd’ und spricht: »O daß mein Arm dich umwinde, Mein wallend Haar neig’ ich zu dir, Drein flechte deine Blumen mir, Wie Mütterlein dem Kinde.«

Drauf seufzt der reiche Pflaumenbaum: »Ach, meine Füll’ erdrückt mich! Nehmt doch die Last vom Rücken mein! Nicht trag’ ich sie für mich allein; Was ihr mir raubt, erquickt mich!«

Es spricht die Tanne guten Muths: »Ob auch an Blüthen ich darbe, Mein Reichthum ist Beständigkeit; Ob Sonne scheint, ob’s stürmt und schneit, Nie ändr’ ich meine Farbe!«

Der hohe stolze Eichbaum spricht: »Ich zittre vor Gottes Blitzen! Kein Sturm ist mich zu beugen stark, Kraft ist mein Stamm, und Kraft mein Mark, Ihr Schwächern, euch will ich schützen!«

Die Epheuranke thät an ihn Sich inniger nun fügen: »Wer für sich selbst zu schwach und klein, Und wer nicht gerne steht allein, Mag an den Freund sich schmiegen!«

Drauf sprachen sie so Manches noch, Ich hab’ es halb vergessen. Noch flüsterte manch’ heimlich Wort, Es schwiegen nur am Grabe dort Die trauernden Cypressen.

O daß die leisen Sprüchlein all’ Ein Menschenherz doch trafen! Was Wunder, wenn sie’s trafen nicht? Die Bäume pred’gen beim Sternenlicht, Da müssen wir ja schlafen.

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Illustration zu Baumpredigt

Interpretation

Das Gedicht "Baumpredigt" von Anastasius Grün schildert eine nächtliche Versammlung der Bäume im Wald, die in einer Art Konfession oder Predigt ihre Gedanken und Gefühle austauschen. Die Bäume werden dabei als individuelle Charaktere mit eigenen Persönlichkeiten und Lebensphilosophien dargestellt. Der Autor nutzt die Bäume als Metaphern für menschliche Eigenschaften und Lebensweisen, um eine tiefere Botschaft über das Leben und die menschliche Existenz zu vermitteln. Jeder Baum im Gedicht repräsentiert eine bestimmte Haltung oder einen bestimmten Lebensstil. Die Rosenhecke steht für ein Leben in vollen Zügen, auch wenn es kurz ist. Die Esche symbolisiert die Vergänglichkeit und die Bedrohung durch äußere Einflüsse. Die Pappel sehnt sich nach spiritueller Erleuchtung und dem Himmel. Die Weide verkörpert die mütterliche Fürsorge und den Wunsch nach Nähe zur Erde. Der Pflaumenbaum steht für Großzügigkeit und die Bereitschaft, seine Früchte mit anderen zu teilen. Die Tanne symbolisiert Beständigkeit und Standhaftigkeit. Der Eichbaum repräsentiert Stärke und den Wunsch, andere zu beschützen. Die Epheuranke steht für die Abhängigkeit von anderen und die Notwendigkeit von Freundschaft. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass die Bäume ihre Weisheiten nur in der Stille der Nacht austauschen können, wenn die Menschen schlafen. Dies könnte als eine Kritik an der menschlichen Gesellschaft verstanden werden, die zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, um die Weisheit der Natur wahrzunehmen. Die trauernden Zypressen am Grabe symbolisieren den Tod und die Endlichkeit des Lebens, die auch die Bäume nicht überdauern können. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine tiefere Botschaft über die Vielfalt des Lebens, die Vergänglichkeit und die Notwendigkeit von Gemeinschaft und Zusammenhalt.

Schlüsselwörter

spricht bäume drum arm drauf allein kraft trafen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Da müssen wir ja schlafen
Anapher
Ob auch an Blüthen ich darbe, Mein Reichthum ist Beständigkeit; Ob Sonne scheint, ob's stürmt und schneit, Nie ändr' ich meine Farbe!
Metapher
Duft raucht aus seinen Gluthen
Personifikation
Die trauernden Cypressen