Ballade

Klabund

1890

Mein Vater war ein Seebär, Meine Mutter kam aus Holland her, Sie hatte Blondhaar, wie Gold so schwer.

Mein Vater war ein grobes Schwein, Meine Mutter war zart und klein, Sie war zu schwach, sie sagte nicht nein.

Sie haßte ihn, daß er sie zwang, Und gab ihm elf Monate lang Zwei Taler wöchentlich zum Dank.

Und als ich dann zu Lichte kam, Meine Mutter mich an ihre zarten Brüste nahm, Mein Vater schlug sie krumm und lahm.

Ersäufen wollte er mich im Fleet, Meiner Mutter Flehen war Gebet. Er hat sich fluchend umgedreht.

Da lief sie in die Nacht hinaus, Setzte in dunkler Twiete mich aus, Ging in die Ulrikusgasse ins Freudenhaus.

Mich fand ein Irgendwer, Wenn ich wüßte, wo meine Mutter wär, Wär mir nicht oft das Herz so schwer.

In der Ulrikusgasse Nummer fünf spiel ich Klavier. Vielleicht tanzt meine Mutter hinter mir, Vielleicht schläft sie des Nachts bei mir…

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Illustration zu Ballade

Interpretation

Das Gedicht "Ballade" von Klabund handelt von den tragischen Umständen einer unehelichen Geburt und den daraus resultierenden Konsequenzen für das Kind und die Mutter. Der Sprecher des Gedichts erzählt von seinem Vater, einem groben Seemann, und seiner Mutter, einer zarten Frau aus Holland. Die Beziehung der Eltern ist von Gewalt und Zwang geprägt, was zu einer ungewollten Schwangerschaft führt. Die Mutter, die ihren Mann hasst, weil er sie vergewaltigte, gibt ihm wöchentlich Geld als "Dank" für die ungewollte Schwangerschaft. Nach der Geburt des Kindes schlägt der Vater die Mutter und versucht, das Baby zu ertränken. Die Mutter flieht mit ihrem Kind in der Nacht und bringt es in einer dunklen Gasse aus, während sie selbst in ein Bordell in der Ulrikusgasse geht. Das Kind wird von einem Unbekannten gefunden und wächst auf, ohne seine Mutter zu kennen. Der Sprecher des Gedichts, der nun in der Ulrikusgasse Klavier spielt, fragt sich, ob seine Mutter vielleicht in der Nähe ist, hinter ihm tanzt oder nachts bei ihm schläft. Das Gedicht endet mit einer melancholischen Stimmung, da der Sprecher sich wünscht, seine Mutter zu finden und nicht mehr so schwermütig zu sein.

Schlüsselwörter

mutter vater kam schwer ulrikusgasse wär vielleicht seebär

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sie haßte ihn, daß er sie zwang
Ironie
Und gab ihm elf Monate lang Zwei Taler wöchentlich zum Dank
Metapher
Mein Vater war ein Seebär
Symbolik
Sie hatte Blondhaar, wie Gold so schwer
Wiederholung
Vielleicht tanzt meine Mutter hinter mir, Vielleicht schläft sie des Nachts bei mir