Ballade in U-Dur

Detlev von Liliencron

1844

Es lebte Herr Kunz von Karfunkel mit seiner verrunzelten Kunkel auf seinem Schlosse Punkpunkel in Stille und Sturm. Seine Lebensgeschichte war dunkel, es murmelte manch Gemunkel um seinen Turm.

Täglich ließ er sich sehen beim Auf- und Niedergehen in den herrlichen Ulmenalleen seines adlichen Guts. Zuweilen blieb er stehen und ließ die Federn wehen seines Freiherrnhuts.

Er war just hundert Jahre, hatte schneeschlohweiße Haare und kam mit sich ins klare: Ich sterbe nicht. Weg mit der verfluchten Bahre und ähnlicher Leichenware! Hol’ sie die Gicht!

Werd’ ich, neugiertrunken ins Gartengras hingesunken, entdeckt von dem alten Halunken, dann grunzt er plump: Töw Sumpfhuhn, ick wil di glieks tunken in den Uhlenpfuhl zu den Unken, du schrumpliger Lump!

Einst lag ich im Verstecke im Park an der Rosenhecke, da kam auf der Ulmenstrecke etwas angemufft. Ich bebe, ich erschrecke: Ohne Sense kommt mit Geblecke der Tod, der Schuft.

Und von der andern Seite, mit dem Krückstock als Geleite, in knurrigem Geschreite, kommt auch einer her. Der sieht nicht in die Weite, der sieht nicht in die Breite, geht gedankenschwer.

Hallo, du kleine Mücke, meckert der Tod voll Tücke, hier ist eine Gräberlücke, hinunter ins Loch! Erlaube, daß ich dich pflücke, sonst hau’ ich dir auf die Perücke, oller Knasterknoch.

Der alte Herr, mit Grimassen, tut seinen Krückstock festfassen: Was hast du hier aufzupassen, du Uhu du! Weg da aus meinen Gassen, sonst will ich dich abschrammen lassen zur Uriansruh'!

Sein Krückstock saust behende auf die dürren, gierigen Hände, die Knöchel- und Knochenverbände: Knicksknucksknacks. Freund Hein schreit: Au, mach ein Ende! Au, au, ich lauf ins Gelände nach Haus schnurstracks.

Noch heut lebt Herr Kunz von Karfunkel mit seiner verrunzelten Kunkel auf seinem Schlosse Punkpunkel in Stille und Sturm. Seine Lebensgeschichte ist dunkel, es murmelt und raunt manch Gemunkel um seinen Turm.

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Illustration zu Ballade in U-Dur

Interpretation

Das Gedicht "Ballade in U-Dur" von Detlev von Liliencron erzählt die Geschichte des eigenwilligen und eigenbrötlerischen Herrn Kunz von Karfunkel, der trotz seines hohen Alters von hundert Jahren nicht an den Tod glaubt und ein zurückgezogenes Leben auf seinem Schloss Punkpunkel führt. Die Atmosphäre um ihn herum ist von Geheimnis und Gerüchten durchdrungen, was durch die dunkle und düstere Stimmung des Gedichts unterstrichen wird. Die Ballade zeichnet sich durch ihre humorvolle und groteske Darstellung des Konflikts zwischen Herrn Kunz und dem Tod aus. Als der Tod versucht, Herrn Kunz zu holen, wehrt dieser sich mit seinem Krückstock und vertreibt den Tod in einem komischen Kampf. Diese Szene verdeutlicht den trotzigen und unbeugsamen Charakter von Herrn Kunz, der sich nicht seinem Schicksal fügen will. Am Ende des Gedichts wird betont, dass Herr Kunz weiterhin auf seinem Schloss lebt, und die mysteriöse Aura um sein Leben bleibt bestehen. Die Ballade endet mit einem Hauch von Ironie und einer ungelösten Spannung, die den Leser zum Nachdenken über die Themen Leben, Tod und den menschlichen Willen anregt.

Schlüsselwörter

herr krückstock kunz karfunkel verrunzelten kunkel schlosse punkpunkel

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Stilmittel

Alliteration
Täglich ließ er sich sehen / beim Auf- und Niedergehen / in den herrlichen Ulmenalleen / seines adlichen Guts
Anspielung
zur Uriansruh
Hyperbel
Er war just hundert Jahre, / hatte schneeschlohweiße Haare
Metapher
ohne Sense kommt mit Geblecke / der Tod, der Schuft
Onomatopoesie
Knicksknucksknacks
Personifikation
Und von der andern Seite, / mit dem Krückstock als Geleite, / in knurrigem Geschreite, / kommt auch einer her
Spottname
Freund Hein
Wiederholung
Es lebte Herr Kunz von Karfunkel / mit seiner verrunzelten Kunkel / auf seinem Schlosse Punkpunkel / in Stille und Sturm