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Bald

Von

Es währt noch eine kurze Weile,
Daß du durch diese Straße gehst
Hinauf, herab die lange Zeile,
Und manchmal grüßend stille stehst.

Bald wird der ein‘ und andre sagen:
Den Alten sehen wir nicht mehr,
Er gieng an kalt und warmen Tagen
Doch hier sein Stündchen hin und her.

Es sei! Des Lebens volle Schalen
Hab‘ ich geneigt an meinen Mund,
Und auch des Lebens ganze Qualen
Hab‘ ich geschmeckt bis auf den Grund.

Gethan ist manches, was ich sollte,
Nicht spurlos lass‘ ich meine Bahn.
Doch manches, was ich sollt‘ und wollte,
Wie manches ist noch ungethan!

Wohl sinkt sie immer noch zu frühe
Herab, die wohlbekannte Nacht,
Doch wer mit aller Sorg‘ und Mühe
Hat je sein Tagewerk vollbracht!

Schau‘ um dich! Sieh‘ die hellen Blicke,
Der Wangen jugendfrisches Blut,
Und sage dir: In jede Lücke
Ergießt sich junge Lebensfluth.

Es ist gesorgt, brauchst nicht zu sorgen;
Mach‘ Platz, die Menschheit stirbt nicht aus,
Sie feiert ewig neue Morgen,
Du steige fest in’s dunkle Haus!

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Gedicht: Bald von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Bald“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine Melancholie über die Vergänglichkeit des Lebens, die den Übergang vom aktiven Dasein zur Erinnerung und schließlich zum Tod thematisiert. Es beginnt mit einer Beschreibung der gegenwärtigen, alltäglichen Existenz des lyrischen Ichs, das durch die Straßen geht, Menschen grüßt und in der Welt aktiv ist. Der Ton ist ruhig und beobachtend, doch schon in diesen ersten Versen schwingt die Ahnung des nahenden Abschieds mit.

In den folgenden Strophen wird der Blick auf die Zukunft gelenkt, in der das lyrische Ich bereits verstorben ist und nur noch als Erinnerung in den Köpfen der anderen existiert. Die Zeilen „Bald wird der ein‘ und andre sagen: / Den Alten sehen wir nicht mehr“ drücken eine gewisse Wehmut aus, aber auch eine Akzeptanz des unvermeidlichen Schicksals. Das lyrische Ich blickt auf sein Leben zurück, hat „volle Schalen“ geleert und „ganze Qualen“ erfahren. Es ist ein Lebensfazit, das sowohl die Freuden als auch die Leiden umfasst.

Die dritte und vierte Strophe offenbaren die Ambivalenz des lyrischen Ichs gegenüber dem Vergangenen und dem Kommenden. Einerseits ist manches getan, andererseits bleibt auch vieles unerledigt. Diese Unvollkommenheit ist ein zentrales Motiv des Gedichts und spiegelt die Begrenztheit des menschlichen Lebens wider. Die Nacht, die „immer noch zu frühe“ herab sinkt, symbolisiert den Tod, der das Tagewerk unterbricht.

Die letzten Strophen bieten einen Trost und eine Zuversicht. Das lyrische Ich fordert auf, sich umzusehen, das jugendliche Leben zu betrachten, die „junge Lebensfluth“. Dies soll eine neue Perspektive eröffnen, eine Distanzierung vom eigenen Schicksal, indem man sich im Kreislauf der Natur und der Menschheit tröstet. Der Tod ist nicht das Ende, sondern ein Teil des ewigen Kreislaufs. Der Abschied wird akzeptiert und mit einer Aufforderung zur Akzeptanz des ewigen Wandels, das lyrische Ich wird in das „dunkle Haus“ des Todes gehen, wissend, dass das Leben weitergeht.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.