Bald
1887Es währt noch eine kurze Weile, Daß du durch diese Straße gehst Hinauf, herab die lange Zeile, Und manchmal grüßend stille stehst.
Bald wird der ein’ und andre sagen: Den Alten sehen wir nicht mehr, Er gieng an kalt und warmen Tagen Doch hier sein Stündchen hin und her.
Es sei! Des Lebens volle Schalen Hab’ ich geneigt an meinen Mund, Und auch des Lebens ganze Qualen Hab’ ich geschmeckt bis auf den Grund.
Gethan ist manches, was ich sollte, Nicht spurlos lass’ ich meine Bahn. Doch manches, was ich sollt’ und wollte, Wie manches ist noch ungethan!
Wohl sinkt sie immer noch zu frühe Herab, die wohlbekannte Nacht, Doch wer mit aller Sorg’ und Mühe Hat je sein Tagewerk vollbracht!
Schau’ um dich! Sieh’ die hellen Blicke, Der Wangen jugendfrisches Blut, Und sage dir: In jede Lücke Ergießt sich junge Lebensfluth.
Es ist gesorgt, brauchst nicht zu sorgen; Mach’ Platz, die Menschheit stirbt nicht aus, Sie feiert ewig neue Morgen, Du steige fest in’s dunkle Haus!
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Interpretation
Das Gedicht "Bald" von Friedrich Theodor Vischer reflektiert über die Vergänglichkeit des Lebens und die Akzeptanz des eigenen Todes. Der Sprecher beschreibt, wie er noch eine kurze Zeit durch die Straßen gehen wird, bevor er von den Menschen vermisst wird. Er hat das Leben in vollen Zügen genossen und erlitten, sowohl die Freuden als auch die Qualen. Obwohl er einiges erreicht hat, bleibt ein Gefühl der Unvollständigkeit, da vieles unerledigt bleibt. Das Gedicht thematisiert auch die Unausweichlichkeit des Todes, symbolisiert durch die Nacht, die zu früh hereinbricht. Der Sprecher erkennt an, dass niemand jemals sein Werk vollständig vollendet, und ermutigt dazu, die Jugend und das Leben um sich herum zu würdigen. Er fordert dazu auf, Platz zu machen für die nachkommenden Generationen, die das Leben fortsetzen werden. Abschließend betont das Gedicht die Kontinuität des Lebens und der Menschheit. Trotz des individuellen Todes wird die Welt weiterbestehen und neue Morgen feiern. Der Sprecher akzeptiert seinen eigenen Abschied und fordert dazu auf, mutig in das "dunkle Haus" zu gehen, was den Tod symbolisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Jugendfrisches Blut
- Hyperbel
- Die Menschheit stirbt nicht aus
- Metapher
- Und auch des Lebens ganze Qualen / Hab' ich geschmeckt bis auf den Grund
- Personifikation
- Doch wer mit aller Sorg' und Mühe / Hat je sein Tagewerk vollbracht!
- Symbolik
- Die hellen Blicke