Bacchus in Bünden

Conrad Ferdinand Meyer

1879

Wo stürzend aus rätischen Klüften der Rhein Um silberne Hüften sich gürtet den Wein Ziehn paukende Masken mit Zimbelgeläut “Du Traube von Trimmis, dich wimmeln wir heut!”

Sie treten den Reigen, sie stampfen den Chor Da dunkelts und lodern die Fackeln empor: Ein Kranz in den Lüften! Ein wirbelndes Paar! Ein brennender Nacken! Ein purpurnes Haar!

Die Fackeln verlöschen. Es hebt sich der Glanz Des schimmernden Monds und vergeistert den Tanz - Ein adliger Jüngling von fremder Gestalt Bemeistert den Reigen mit Herrschergewalt.

Er schwebt in der Mitte, bekränzt und allein, Mit leuchtenden Füssen in himmlischem Schein, Die Schulter umflattert getigertes Fell, Er trägt einen Zepter, der kühne Gesell.

Er neigt ihn vor Irma, der träumenden Maid: “In nachtdunkle Haare taugt blitzend Geschmeid!” Er greift in den Himmel mit mächtiger Hand, Er raubt aus den Sternen ein flimmerndes Band:

Schön Irma schwebt hin mit dem Krönlein von Licht, Als fesselte fürder die Erde sie nicht, Er schwingt ihr zu Häupten den Thyrsus, umrankt, Mit üppigem Laube, von Trauben umschwankt …

Zwölf Schläge verkünden die Mitte der Nacht. Der Reigen ermüdet. Das Fest ist vollbracht! “Herunter die Masken! So will es der Brauch! Du Führer des Reigens, entlarve dich auch!

Wir sind unser zwanzig, und voll ist die Zahl! Wer bist du, der frech in die Gilde sich stahl? Ein Gaukler? Ein Zaubrer? Sprich, wie du dich nennst! Sonst fürcht unsre Messer, bist du kein Gespenst!”

Ein Mönchlein, ein zechend entschlafnes, wird reg: “Wer bist du? Der Satan? Dir weis ich den Weg!” Er zeichnet ein Kreuz. “Nun entmumme dich nur! Ich bin der gelehrte Pankrazi von Cur!”

Der Jüngling entlarvt ein von Eppich umlaubt, Ein hohes, ein mildes, ein gnädiges Haupt “Zu Füssen dem Herrscher, vermessen Gesind. Ich bin Dionysos, des Donnerers Kind!”

Er lächelt dem Mönch in das feiste Gesicht: “Silenos, Silenos, verleugne mich nicht! Mich hat seine Gnaden, der Bischof, gebannt Und ist doch mein treuster Bekenner im Land.

Weinfröhliche Räter, etrurisch Geschlecht, Ihr habt schon am Reno gehörig gezecht, Doch hüben am Rhein in germanischer Mark Bezecht ihr euch doppelt und dreimal so stark!”

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Illustration zu Bacchus in Bünden

Interpretation

Das Gedicht "Bacchus in Bünden" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt eine nächtliche Feier im Bündnerland, bei der die Figur des Bacchus, des römischen Weingottes, im Mittelpunkt steht. Die Szenerie ist geprägt von maskierten Gestalten, die im Rhythmus von Pauken und Zimbeln einen Reigen tanzen. Die Atmosphäre ist mystisch und feierlich, mit Fackeln, die lodern, und dem Mond, der den Tanz erhellt. Ein adliger Jüngling, der den Reigen bemeistert, wird als Bacchus identifiziert, der mit seiner göttlichen Präsenz die Feier anführt. Der Bacchus, dargestellt als ein von Eppich umlaubtes, hohes und mildes Haupt, offenbart sich am Ende des Gedichts als Dionysos, der Sohn des Donnerers. Er lächelt den Mönch an, der ihn als Satan bezeichnet, und erinnert ihn an seine wahre Identität als Silenos, der Begleiter des Bacchus. Der Bacchus betont, dass er vom Bischof gebannt wurde, aber dennoch als treuster Bekenner im Land gilt. Er spricht die weinfröhlichen Räter an, die bereits am Reno ausgelassen gefeiert haben, und deutet an, dass ihre Feiern am Rhein in der germanischen Mark noch ausgelassener und intensiver sein werden. Das Gedicht verwebt mythologische Elemente mit der lokalen Kultur des Bündnerlands und schafft eine Brücke zwischen antiken Göttergestalten und der mittelalterlichen christlichen Welt. Die Figur des Bacchus als Dionysos symbolisiert die ungezügelte Freude und den Rausch, der im Kontrast zur asketischen Haltung des Mönchs steht. Die Enthüllung der wahren Identität des Bacchus am Ende des Gedichts unterstreicht die Themen der Verkleidung, der Offenbarung und der ewigen Präsenz der antiken Götter in der menschlichen Kultur.

Schlüsselwörter

reigen rhein masken fackeln jüngling schwebt mitte füssen

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Stilmittel

Alliteration
paukende Masken mit Zimbelgeläut
Anapher
Sie treten den Reigen, sie stampfen den Chor
Hyperbel
Ein Kranz in den Lüften! Ein wirbelndes Paar!
Metapher
Bezecht ihr euch doppelt und dreimal so stark
Personifikation
Wo stürzend aus rätischen Klüften der Rhein