Babylonische Sorgen

Heinrich Heine

1853

Mich ruft der Tod - Ich wollt′, o Süße, Daß ich dich in einem Wald verließe, In einem jener Tannenforsten, Wo Wölfe heulen, Geier horsten Und schrecklich grunzt die wilde Sau, Des blonden Ebers Ehefrau.

Mich ruft der Tod - Es wär noch besser, Müßt ich auf hohem Seegewässer Verlassen dich, mein Weib, mein Kind, Wenngleich der tolle Nordpolwind Dort peitscht die Wellen, und aus den Tiefen Die Ungetüme, die dort schliefen, Haifisch′ und Krokodile, kommen Mit offnem Rachen emporgeschwommen - Glaub mir, mein Kind, mein Weib, Mathilde, Nicht so gefährlich ist das wilde, Erzürnte Meer und der trotzige Wald Als unser jetziger Aufenthalt! Wie schrecklich auch der Wolf und der Geier, Haifische und sonstige Meerungeheuer: Viel grimmere, schlimmere Bestien enthält Paris, die leuchtende Hauptstadt der Welt, Das singende, springende, schöne Paris, Die Hölle der Engel, der Teufel Paradies - Daß ich dich hier verlassen soll, Das macht mich verrückt, das macht mich toll!

Mit spöttischem Sumsen mein Bett umschwirrn Die schwarzen Fliegen; auf Nas′ und Stirn Setzen sie sich - fatales Gelichter! Etwelche haben wie Menschengesichter, Auch Elefantenrüssel daran, Wie Gott Ganesa in Hindostan. - In meinem Hirne rumort es und knackt, Ich glaube, da wird ein Koffer gepackt, Und mein Verstand reist ab - o wehe! - Noch früher, als ich selber gehe.

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Illustration zu Babylonische Sorgen

Interpretation

Das Gedicht "Babylonische Sorgen" von Heinrich Heine thematisiert die Verzweiflung und den Wahnsinn des lyrischen Ichs, das dem Tod nahe ist und seine Familie zurücklassen muss. Das Gedicht beginnt mit der Vorstellung, dass der Tod das lyrische Ich ruft und es sich wünscht, seine Liebsten in einem gefährlichen Wald zurückzulassen, in dem Wölfe heulen und Geier horsten. Doch selbst das scheint dem lyrischen Ich besser als die Alternative, nämlich seine Familie auf hoher See zu verlassen, wo Haie und Krokodile lauern. Doch letztendlich ist das lyrische Ich der Meinung, dass der gefährlichste Ort von allen Paris ist, die "Hölle der Engel, der Teufel Paradies". Das lyrische Ich beschreibt die Stadt als einen Ort voller Bestien und Gefahren, die noch schlimmer sind als die Tiere im Wald oder auf hoher See. Es ist ein Ort, der das lyrische Ich in den Wahnsinn treibt und es verrückt macht, dass es seine Familie hier zurücklassen muss. Das Gedicht endet mit einer Beschreibung der schwarzen Fliegen, die das Bett des lyrischen Ichs umschwirren und ihm das Gefühl geben, dass sein Verstand abzureisen droht, noch bevor er selbst geht. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine Atmosphäre der Verzweiflung und des Wahnsinns, die durch die Beschreibungen der verschiedenen Gefahren und Bestien verstärkt wird. Das lyrische Ich scheint in einer Art Hölle gefangen zu sein, aus der es keinen Ausweg gibt, und der Tod scheint der einzige Ausweg zu sein.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Wo Wölfe heulen, Geier horsten
Hyperbel
Daß ich dich in einem Wald verließe
Ironie
Die Hölle der Engel, der Teufel Paradies
Metapher
Mich ruft der Tod
Personifikation
Der tolle Nordpolwind
Symbolik
Babylonische Sorgen
Vergleich
Wie Gott Ganesa in Hindostan