Babeno und Gabriele
1869Schon lag die Nacht in tiefer Stille Und feierlich auf der Natur, Und sparsam aus der Wolkenhülle Sah Luna nieder in die Flur.
Da trat Babeno - großer Ahnen Ein Sprößling - unter′s Sternenzelt, Hin zu den nächtlichen Balkanen, Bis Liebchen ihn umschlungen hält.
Sie wandeln von dem Zephyrwinde Umlispelt und mit ros′gem Sinn Durch Silbertannen-Labyrinthe Zu einem Felsenhügel hin.
Da war′s, wo sich um alte Trümmer Von einer Burg nur Epheu schlang, Und aus dem öden Felsenzimmer Nichts, als der Eule Grablied drang.
Es blickte hin zu dem Gemäuer Das Mägdlein voller Bangigkeit; Am Fuß der Felsen ist′s geheuer, Von oben zagt die Weiblichkeit.
Ach, sprach sie, grausig geh′n Gespenster Dort oben auf der Ritter Grab, Ein wilder Mann blickt aus dem Fenster Der Höhe fürchterlich herab.
Die Todten ruh′n - so sprach Babeno, Dort oben ist kein wilder Mann, Der Menschen würgt. Komm, laß uns gehn o Den sanftgewundnen Pfad hinan!
Sie wandelte durch schwarze Gänge An ihn geschmiegt und minnetraut, Dort in die hohe Felsenenge, Wo Schreckniß den Ruin umgraut.
Hu da! - aus einer offnen Nische Springt pfeilschnell eine Blutgestalt, Die Jungfrau bebt in das Gebüsche, Da ihr der Geist entgegenwallt.
Wer seid Ihr, daß Ihr mich zu stören In diesen Stunden Euch erfrecht? Des Frevels Sünde sollt ihr hören Und fühlen, wie ein Geist sich rächt!
Sein Schwert zieht kühnlich stracks Babeno Stürzt, aufgeregt von Heldenmuth, Entgegen sich dem Nachtgespeno - Der Unhold sinkt - es strömt sein Blut!
Und Todesangst umfaßt im Mieder Des Mädchens Herz - der Seele los Fällt es, vom Schlag getroffen, nieder Auf′s mordumflossne Felsenmoos.
Da wirft Babeno weg den Stahle Und eilt zu der zerstörten Braut; - Ach, ausgerungen hat die Fahle, Nur Todesschweiß umrinnt die Haut.
Wie? - Todt? - Du, meine Gabriele! Gerechter Gott! - entrissen mir? Ruft er und ringt empor die Seele, Nein, Traute, mich trennt Nichts von dir!
Nicht Schicksal, nicht des Todes Pfeile Entreißen mir dein treues Herz, Ich folge dir -! Auf Erden heile Nichts reiner Minne Trennungsschmerz.
Er sprach′s und nimmt das Schwert verletzlich, Das noch vom Blut des Unholds raucht, Durchbohrt die treue Brust, und plötzlich Ist seine Seele schon verhaucht.
So starb Baben′ und Gabriele, Erfüllend ihrer Ahnen Fluch; Am Grab schlug eine Philomele, Und nicht vertrieb sie der Geruch.
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Interpretation
Das Gedicht "Babeno und Gabriele" von Ludwig Eichrodt erzählt die tragische Liebesgeschichte zweier junger Menschen, die durch einen Fluch der Ahnen verdammt sind, ein gewaltsames Ende zu finden. Die Handlung spielt in einer düsteren Nacht, in der sich die Liebenden Babeno und Gabriele zu einer verlassenen Burgruine begeben. Dort werden sie von einem Geist überrascht, den Babeno im Kampf tötet. Die Schockstarre und der Anblick des blutenden Geistes führen dazu, dass Gabriele stirbt. Überwältigt von Trauer und Verzweiflung nimmt sich Babeno anschließend das Leben, um seiner Geliebten in den Tod zu folgen. Die Atmosphäre des Gedichts ist von einer tiefen Melancholie und einer unheilvollen Vorahnung geprägt. Die Natur wird in der Dämmerung als still und feierlich beschrieben, was die Stimmung für das bevorstehende Unglück setzt. Die Liebenden werden als zarte und unschuldige Figuren dargestellt, die von einer höheren Macht in den Untergang getrieben werden. Die Burgruine symbolisiert den Verfall und die Vergänglichkeit, während der Geist als Verkörperung des Bösen und des Schicksals auftritt. Die Sprache des Gedichts ist reich an Bildern und Metaphern, die die emotionale Intensität der Szene verstärken. Die Beschreibung der Liebenden als "von Zephyrwinde umlispelt" und "mit ros'gem Sinn" verleiht ihnen eine fast ätherische Qualität. Die Verwendung von Farben wie Silber und Schwarz unterstreicht die Dualität von Schönheit und Schrecken, die das Gedicht durchzieht. Die Wiederholung von Wörtern wie "Tod" und "Blut" betont die Endgültigkeit und die Brutalität des Schicksals, das die Liebenden ereilt. Die Schlussverse des Gedichts fassen die Tragödie in ihrer ganzen Tragweite zusammen. Die Erfüllung des Ahnenfluchs und der Gesang der Philomele am Grab der Liebenden symbolisieren die Unausweichlichkeit des Schicksals und die ewige Verbundenheit der beiden Seelen. Die Tatsache, dass der Gesang der Philomele nicht durch den Geruch des Todes vertrieben wird, deutet auf eine Art von Trost oder Erlösung hin, die jenseits des irdischen Daseins liegt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Zum Beispiel: 'großer Ahnen Ein Sprößling'
- Bildsprache
- Sie wandeln von dem Zephyrwinde Umlispelt und mit ros'gem Sinn
- Enjambement
- Sie wandelte durch schwarze Gänge An ihn geschmiegt und minnetraut
- Hyperbel
- Bis Liebchen ihn umschlungen hält
- Ironie
- Ach, sprach sie, grausig geh'n Gespenster Dort oben auf der Ritter Grab
- Kontrast
- Da war's, wo sich um alte Trümmer Von einer Burg nur Epheu schlang
- Metapher
- Schon lag die Nacht in tiefer Stille
- Personifikation
- Und sparsam aus der Wolkenhülle Sah Luna nieder in die Flur
- Symbolik
- Am Grab schlug eine Philomele, Und nicht vertrieb sie der Geruch
- Vergleich
- Und aus dem öden Felsenzimmer Nichts, als der Eule Grablied drang
- Wiederholung
- Nicht Schicksal, nicht des Todes Pfeile Entreißen mir dein treues Herz