Auswanderer
1919Sie nehmen ihre Kinder an der Hand Und ziehen fort; es duldet sie kein Land.
Grenzwächter sind auf ihren Weg gestellt, Wie wenn ein Hund am Tor die Wache hält.
Sind überm Meer noch ein paar Ackerbreit, Worauf nicht Gras noch Futterkorn gedeiht?
Sanddünen, die kein Sämann noch bewarf, Dass dort ein Bettelvolk verhungern darf?
Der Bauch der Schiffe nimmt sie endlich auf, Zum Ballast hingeworfen, Hauf um Hauf.
Und setzt sie an den fernen Küsten aus Wie Findlingskinder vor ein fremdes Haus.
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Interpretation
Das Gedicht "Auswanderer" von Hedwig Lachmann beschreibt die schmerzhafte Erfahrung von Menschen, die gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen und auf der Suche nach einem neuen Zuhause zu sein. Die erste Strophe verdeutlicht die Verzweiflung der Auswanderer, die keine andere Wahl haben, als ihre Kinder an der Hand zu nehmen und fortzuziehen, da sie in ihrem Land nicht länger geduldet werden. Die zweite Strophe verwendet das Bild von Grenzwächtern, die den Weg der Auswanderer bewachen, um die Unfreiheit und die fehlende Bewegungsfreiheit zu betonen. Der Vergleich mit einem Hund, der am Tor Wache hält, verdeutlicht die feindselige und bedrohliche Atmosphäre, die die Auswanderer umgibt. In der dritten Strophe stellt sich die Frage, ob es jenseits des Meeres noch ein Stück Land gibt, auf dem sie eine neue Existenz aufbauen können. Die vierte und fünfte Strophe beschreiben die prekäre Situation der Auswanderer auf ihrer Reise. Das Meer wird als "Bauch der Schiffe" bezeichnet, in den sie wie Ballast hineingeworfen werden, ohne Rücksicht auf ihr Schicksal. Die letzte Strophe verdeutlicht die Hoffnungslosigkeit der Auswanderer, die an fernen Küsten ausgesetzt werden wie Findlingskinder vor einem fremden Haus. Sie sind allein und verlassen, ohne zu wissen, was die Zukunft für sie bereithält.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Sind überm Meer noch ein paar Ackerbreit
- Metapher
- Zum Ballast hingeworfen, Hauf um Hauf
- Personifikation
- Sie nehmen ihre Kinder an der Hand
- Vergleich
- Wie Findlingskinder vor ein fremdes Haus