Auslegung

Friedrich Theodor Vischer

1578

Wenn Einer mit den Jahren Sein Denken korrigirt, Bekommt er zu erfahren, Wie man das kommentirt.

»Er ist gekauft, bestochen Mit Titel, Stern und Geld, Wir haben’s gleich gerochen, O der Charakterheld!

»Seht den Erfolgsanbeter, Seht den Ischarioth, Er ward an uns Verräther Für Silberlingsgebot.

»Es leuchtet sonnenhelle Ja ganz von selber ein: Des Abfalls innre Quelle Kann nur Gemeinheit sein.« –

Nun, gute Interpreten, Denkt doch ein wenig nach, Wie ihr da seid betreten Auf eurer eignen Schmach.

Beschließt ein Mann, zu retten Aus Irrsal die Vernunft, Und macht sich los von Ketten Der Donquixotenzunft,

Und leget ihr als Sünde Ihm aus die klare That Und rufet ohne Gründe: »Der schlechte Apostat!« –:

Die Deutung kann nur fließen Aus eurem edlen Ich, Dem eignen Selbst entsprießen Der krumme Schluß und Schlich.

Ihr sagt ja deutlich selber: Wir wären’s nur im Stand Um Gunst und goldne Kälber Und Adlerordensband.

Die du entdeckst, die Jauche, Naive Kreatur, Kommt aus dem eignen Schlauche: »Schmutz riecht sich selber nur.«

Doch wenn ich so betrachte, Wie wenig ihr euch kennt, Mit welchem Unbedachte Ihr in die Falle rennt,

So kann es mich ergetzen, Das Wort, das Shakespeare spricht, Auch so zu übersetzen: Schmutz riecht sich selber nicht.

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Illustration zu Auslegung

Interpretation

Das Gedicht "Auslegung" von Friedrich Theodor Vischer behandelt die menschliche Tendenz, das Denken und Handeln anderer Menschen zu interpretieren und zu verurteilen, ohne die eigenen Motive und Schwächen zu erkennen. Vischer kritisiert, dass Menschen oft voreilige und negative Urteile über andere fällen, ohne deren tatsächliche Absichten oder Gründe zu verstehen. Das Gedicht beginnt mit der Beschreibung, wie jemand mit den Jahren sein Denken korrigiert und dafür von anderen kritisiert wird. Vischer verwendet dabei starke Metaphern wie "gekauft", "bestochen" und "Verräter", um die Härte und Ungerechtigkeit dieser Urteile zu verdeutlichen. Die Interpreten werden als selbstgerecht und engstirnig dargestellt, die ihre eigenen Werte und Motive auf andere projizieren. Im weiteren Verlauf des Gedichts fordert Vischer die Interpreten auf, über ihre eigenen Motive nachzudenken und sich ihrer eigenen Schwächen bewusst zu werden. Er weist darauf hin, dass die negativen Urteile, die sie über andere fällen, oft ein Spiegelbild ihrer eigenen Unzulänglichkeiten und Vorurteile sind. Das Gedicht endet mit einem Zitat von Shakespeare, das besagt, dass "Schmutz sich selber nicht riecht", was bedeutet, dass Menschen oft blind für ihre eigenen Fehler und Schwächen sind.

Schlüsselwörter

selber kann eignen seht wenig schmutz riecht jahren

Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
O der Charakterheld!
Metapher
Ihr in die Falle rennt
Personifikation
Wie man das kommentirt