Ausflug in den Schwarzwald

Ludwig Eichrodt

1859

Im Höllenthale drohen Die Felsen hoch herein, Die schauerlichen schüchtern Den frühen Wandrer ein.

Dann öffnen sich die Berge Der hohen Ebene zu, Die Tannen und die Matten Prangen in grüner Ruh.

Am dunkelblauen Himmel Milchweiße Wolken ziehn, Lieblich in wilder Gegend Himmel und Blumen blühn.

Und ehe die Hügel schließen Das Thal mit sanfter Höh, Da spiegelt sich die Sonne Im tiefen Titi-See.

Es baden die müden Freunde In seiner frischen Fluth, Und stärken Leib und Seele Und wandern wieder gut.

Zum allerhöchsten Gipfel Richten sie spät den Lauf, Es steigen die steinigen Wege Zum großen Feldberg auf.

Tief unten an seinem Fuße Ein finster Wasser steht, Drein fallen die Felsenwände, Und Geisterflüstern weht.

Von oben schaut herunter Der königliche Berg; Ihm hütet den Spiegel unten Ein tannengrüner Zwerg.

Durch unerträglich Schimpfen Scheucht er den Wandrer fort, Der störend wollte weilen Am heimlich heiligen Ort.

Ein fürwitzvoller Bursche War einst, es ist verbürgt, Dort, wo die Quelle röchelt, Hat ihn der Zwerg erwürgt.

Hinauf denn über die Klippen! Ringsum der endlose Wald. Hinauf, hinan die Haide! Wir sind da droben bald.

Seht dort die seltsamen Wolken, Sie bleiben dieselben stets, Sie scheinen nicht zu folgen Dem Wind und Wettergesetz.

Das sind die Alpen, Alpen, O wunderherrliche Schau! Aus Süden herüberglänzend Golden und silbergrau.

Und immer höher und höher Beim brechenden Abendlicht! Die Hirten sind abgezogen, Es klinget die Weide nicht,

Hochoben auf dem Kulme, Welch unverhofftes Glück! Erhaschen wir der Sonne Allerletzten Scheideblick!

Auf purpurreichem Pfühle Der Gott des Tages ruht, Die Winde tragen ihn schwebend Hinunter in ferne Fluth.

Mit ihrem holden Ernste Anziehet die sternvolle Nacht Und weilet, bis mit dem Vogel Der Morgenwind erwacht.

Da streifen rosige Lichter Den Himmelsaum umher, Es fluthet über die Berge Der Düfte wogendes Meer.

Ha, schautet ihr das Blitzen Fern über den fernsten Höhn? Und jetzt, die Feuerkugel Siegend im Himmel stehn!

Sie steiget stolz und freudig Heran ins blaue Feld; Sie strahlet und sie glänzet, Vor Wonne zittert die Welt.

Und um und um, die Lande, Das Auge schweift hinaus, Entzückenvolle Schönheit! O süß gewaltger Graus!

Dort unten in den Thälern Noch immer Schlaf und Nacht, Hier oben Tag und Leben, Daß Herz und Himmel lacht!

Hier oben Schnee und Blumen - Schneeglöckchen läutet: Platz Den schönen Töchtern des Sommers! Der Schnee ruft: sachte Schatz!

Ich weiche gern, doch jede Von deinen Schwestern muß Die liebliche Stirne reichen Dem Schnee zuvor zum Kuß!

Das ist die Ehre des Alters. - Voran jetzt durch den Teich Dem Bach entlang thalauswärts Zum grünen »Himmelreich«!

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Illustration zu Ausflug in den Schwarzwald

Interpretation

Das Gedicht "Ausflug in den Schwarzwald" von Ludwig Eichrodt beschreibt eine Wanderung durch den Schwarzwald, die mit einem Abstieg ins Höllental beginnt und über den Feldberg zum Kulme führt. Der erste Teil des Gedichts schildert die landschaftliche Schönheit des Schwarzwaldes mit seinen Felsen, Tannen, Matten und dem Titi-See. Im zweiten Teil wird eine Sage über einen Zwerg erzählt, der einen Wanderer am Feldsee erwürgt hat. Der dritte Teil beschreibt den Aufstieg zum Kulme und den Anblick der Alpen sowie den Sonnenuntergang. Der vierte Teil thematisiert die Nacht mit ihren Sternen und den Sonnenaufgang am nächsten Morgen. Im fünften Teil wird die Schönheit der Landschaft gepriesen und ein Zwiegespräch zwischen Schnee und Schneeglöckchen inszeniert. Das Gedicht endet mit dem Abstieg ins "Himmelreich", einen als Gasthaus bezeichneten Ort. Eichrodt verwendet dabei verschiedene Stilmittel wie Personifikationen ("die Felsen drohen", "das Herz lacht"), Metaphern ("der Gott des Tages") und eine episierende Erzählweise. Die Natur wird als wunderschön, aber auch als etwas Unheimliches und Geheimnisvolles dargestellt. Die Sage vom Zwerg am Feldsee verleiht dem Gedicht eine märchenhafte Note. Insgesamt entsteht das Bild einer erhabenen, fast göttlichen Natur, die den Wanderer in ihren Bann zieht und begeistert.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Ausflug in den Schwarzwald

Stilmittel

Bildsprache
Voran jetzt durch den Teich Dem Bach entlang thalauswärts Zum grünen »Himmelreich«!
Dialog
Der Schnee ruft: sachte Schatz!
Gegensatz
Dort unten in den Thälern Noch immer Schlaf und Nacht, Hier oben Tag und Leben
Hyperbel
Entzückenvolle Schönheit! O süß gewaltger Graus!
Metapher
Ich weiche gern, doch jede Von deinen Schwestern muß Die liebliche Stirne reichen Dem Schnee zuvor zum Kuß!
Personifikation
Schneeglöckchen läutet: Platz Den schönen Töchtern des Sommers!
Symbolik
Das ist die Ehre des Alters
Vergleich
Das sind die Alpen, Alpen, O wunderherrliche Schau!
Übertreibung
Durch unerträglich Schimpfen scheucht er den Wandrer fort