Aus meiner Kinderzeit

Joachim Ringelnatz

1883

Vaterglückchen, Mutterschößchen, Kinderstübchen, trautes Heim, Knusperhexlein, Tante Rös′chen Kuchen schmeckt wie Fliegenleim.

Wenn ich in die Stube speie Lacht mein Bruder wie ein Schwein Wenn er lacht, haut meine Schwester, Wenn sie haut, weint Mütterlein.

Wenn die weint, muss Vater fluchen. Wenn er flucht, trinkt Tante Wein Trinkt sie Wein, schenk sie mir Kuchen: Wenn ich Kuchen kriege, muss ich spein.

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Interpretation

Das Gedicht "Aus meiner Kinderzeit" von Joachim Ringelnatz schildert in vier Strophen ein chaotisches Familienbild aus der Kindheit des Erzählers. Die erste Strophe beginnt mit einem scheinbar idyllischen Bild der Familie, das jedoch schnell durch die Beschreibung der "Knusperhexlein" und des Kuchen, der wie "Fliegenleim" schmeckt, entzaubert wird. Dies deutet auf eine kritische Sichtweise des Erzählers hin, der die Harmonie seiner Familie in Frage stellt. Die zweite und dritte Strophe beschreiben eine Kette von Reaktionen innerhalb der Familie, die durch das Verhalten des Erzählers und seines Bruders ausgelöst werden. Der Bruder lacht "wie ein Schwein", wenn der Erzähler in die Stube speit, die Schwester haut, wenn der Bruder lacht, und die Mutter weint, wenn die Schwester haut. Der Vater flucht, wenn die Mutter weint, und die Tante trinkt Wein, wenn der Vater flucht. Diese Kettenreaktionen zeigen die Dysfunktionalität der Familie und die Unfähigkeit der Erwachsenen, angemessen auf die Situation zu reagieren. Die letzte Strophe beschreibt, wie die Tante dem Erzähler Kuchen schenkt, wenn sie Wein trinkt. Der Erzähler muss jedoch wieder in die Stube speien, wenn er Kuchen bekommt. Dies deutet darauf hin, dass der Erzähler in einem Teufelskreis gefangen ist, aus dem er nicht entkommen kann. Die letzte Zeile des Gedichts, "Wenn ich Kuchen kriege, muss ich spein", zeigt die Resignation des Erzählers und seine Erkenntnis, dass er die Dysfunktionalität seiner Familie nicht ändern kann. Insgesamt vermittelt das Gedicht einen Eindruck von der chaotischen und dysfunktionalen Atmosphäre in der Familie des Erzählers. Die scheinbar harmlosen Anfänge werden durch die Beschreibung der Reaktionen der Familienmitglieder aufeinander und die Kettenreaktionen, die dadurch ausgelöst werden, entlarvt. Das Gedicht zeigt die Unfähigkeit der Erwachsenen, angemessen auf die Situation zu reagieren, und die Resignation des Erzählers, der in einem Teufelskreis gefangen ist, aus dem er nicht entkommen kann.

Schlüsselwörter

kuchen tante lacht haut weint muss trinkt wein

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Vaterglückchen, Mutterschößchen, Kinderstübchen, trautes Heim
Hyperbel
Lacht mein Bruder wie ein Schwein
Kausale Verknüpfung
Wenn er lacht, haut meine Schwester, Wenn sie haut, weint Mütterlein
Kontrast
Wenn ich Kuchen kriege, muss ich spein
Metapher
Kuchen schmeckt wie Fliegenleim
Personifikation
Knusperhexlein
Rhythmus
Vaterglückchen, Mutterschößchen, Kinderstübchen, trautes Heim
Wiederholung
Wenn ich in die Stube speie