Aus Gastein
1907Es wäre Schlafenszeit; – doch das ist schlimm, Nicht schlafen läßt mich hier der Ache Grimm, Grad’ unterm Fenster schlägt ihr Katarakt Auf Felsenpulte dröhnend seinen Takt! Musik zur Unzeit! Was zu thun da sei? Zu horchen wach der Räthselmelodei: – Einförmig tost’s und doch so wechselvoll, Wie Harfen jetzt, und jetzt wie Donnergroll! Ist’s Wagenrasseln, das die Stadt durchrollt? Ist’s Mühlgestampf, das täglich Brod dir zollt? Sind’s Eisenhämmer, schmiedend Waffenerz? Ist’s Orgelton jetzt, der dir schmilzt das Herz? Nun Posthornklang, der dich zur Ferne reißt! Nun Waldesrauschen, das dich bleiben heißt! Nun Glockenschall, der fromm die Gläub’gen ruft! Nun Trauermarsch, geleitend in die Gruft! – Dem Leben gleich! Und Alles Staub und Schaum! Doch sang’s dich unbewußt in Schlaf und Traum.
Du Geist der Ungeduld, mein Foltergeist, Der mich zur schleun’gen Flucht kopfüber reißt, Wenn auf die Wahlstatt des Salons zur Schlacht Die Großmacht Langeweil’ ihr Heer gebracht, Und mich des Wörterschwalles Katarakt Wie Wassersturz und Strudel wirbelnd packt, Mit mir zur Felsschlucht komm, unholder Gast, Sieh hin, dann hebe dich von mir in Hast! Auch hier ein wasserreicher Katarakt, Der, niedertosend, mich mit Schwindel packt Und sinnbetäubend braust und dröhnt und zischt! Doch unterm Fluthgebraus schleicht unvermischt Im eh’rnen Rohr ein Heilquell warm und mild, Uns sichtbar kaum, der Schmerz und Leiden stillt Der sieche Leiber fromm zu kräft’gen eilt Und jetzt, ein Seelenarzt, mein Herz geheilt. Ich ahn’ es, traun, im Wortgesprudelstrom Fließt dort auch manch ein Heilborn einsam fromm, Manch Wort, das welke Herzen wieder jüngt, Manch Wort, das müde Seelen frei beschwingt, Manch Wort heilkräft’gen Geists, liebvoller Huld: O lehre finden mich’s, Geist der Geduld!
Tritt ruhmbekrönten Größen nicht zu nah! Sie sind den Alpen gleich, die vor uns stehn, Am schönsten, größten, wenn von fern gesehn, Im blauen Duft, in ihrem fernen Ruhme! Der Formen Schönheit, die dich fern entzückt, Löst sich in rauhe Massen, wirr zerstückt, Wenn forschend du genaht dem Heiligthume; Der Duftschmelz wird Gestein, das wund dich ritzt, Und wird Gedörn, das Rock und Ferse schlitzt. Das Auge des Geweihten nur erspäht In dunkler Kluft die schöne Alpenblume; Nur wer der Geister Liebling, den umweht, Entschleiernd sich, des Berggeists Majestät.
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Interpretation
Das Gedicht "Aus Gastein" von Anastasius Grün beschreibt die Eindrücke und Erlebnisse des lyrischen Ichs in dem österreichischen Kurort Gastein. In den ersten Strophen steht die unablässige Kraft des Acher-Wasserfalls im Zentrum, der das Ich mit seinem ständigen Rauschen und Donnern an den Schlaf hindert. Das Wasser wird dabei als ein Symbol für das unaufhörliche, sich wandelnde Leben gesehen, das uns gleichermaßen bezaubert und überwältigt. In der zweiten Strophe wendet sich das Ich an seinen "Foltergeist", die Ungeduld, die es oft in Eile und Unruhe treibt. Doch an diesem Ort findet es einen Kontrast: Unter dem tosenden Wasserfall fließt ein verborgener, heilender Quell, der Körper und Seele stärkt. Dieses Bild wird erweitert auf die Welt der Worte und Gespräche, in denen sich ebenfalls verborgene "Heilborn" finden lassen – Worte, die Herz und Geist erneuern. Hier tritt Geduld als Schlüsselqualität hervor, um das Tiefgründige im Alltäglichen zu erkennen. Im letzten Teil warnt das Gedicht davor, Berühmtheit und Größe allzu nah zu betrachten. Wie die Alpen von Ferne majestätisch und schön wirken, aber bei genauerem Hinsehen rau und zerklüftet sind, so verliert auch der Ruhm an Glanz, wenn man ihm zu nahekommt. Nur wer in Demut und mit geistiger Hingabe herantritt – vergleichbar einem "Geweihten" oder "Berggeist" – kann die wahre Schönheit und Bedeutung hinter der Oberfläche erkennen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Musik zur Unzeit! Was zu thun da sei?
- Hyperbel
- Und mich des Wörterschwalles Katarakt
- Kontrast
- Tritt ruhmbekrönten Größen nicht zu nah!
- Metapher
- Entschleiernd sich, des Berggeists Majestät
- Onomatopoesie
- Doch sang’s dich unbewußt in Schlaf und Traum
- Personifikation
- Der Geist der Geduld
- Symbolik
- Auch hier ein wasserreicher Katarakt
- Vergleich
- Sie sind den Alpen gleich, die vor uns stehn