Aus der Vorzeit
1798In dem Maye war ihr eben das swölfte Jahr Mit dem Morgen dahin geflohn. Dreyzehn Jahre, nun sie fehlten den siebzigen, Die den Frühling er wiedersah. Schön war die Laube, der Baum neben der Laube schön; Blüthe duftete gegen sie. Kont′ er es ahnden? Er sass glühend vor Fröhlichkeit, Bey dem Reh in der Laube Duft, Zittert′, ahndete nichts, Hell war ihr schwarzes Aug′, Als zuvor er es niemals sah; Bald verstumt′ er nicht mehr, stammelte, redete, Kosete, blickte begeisterter. “Diesen Finger, nur ihn … Schlank ist dein Wuchs, und leicht Senket der Tritt sich der gehenden. Ach den kleinen, nur ihn … Röthlich die Wang, und doch Ist die Lippe noch lieblicher! Diesen schönsten, nur ihn gieb mir!” Sie gab zuletzt Alle Finger dem flehenden, Zögerte länger nicht mehr, wandte sich, sagt′: Ich bin Ganz dein! leise dem glücklichen. Ida′s Stimme war Luft, Ida, du athmetest Leichte Töne, die zauberten. Küsse kant′ er noch nicht; aber er küsst′ ihr doch Schnell die lebenden Blicke weg. Und nun bleiben sie stehn, schweigen. Die Schwester ruft In den kühleren Sohattengang.
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Interpretation
Das Gedicht "Aus der Vorzeit" von Friedrich Gottlieb Klopstock handelt von einem jungen Paar, das sich in einer blühenden Laube trifft. Die Szene spielt im Mai, als die Protagonistin gerade zwölf Jahre alt geworden ist. Der junge Mann, der dreizehn Jahre jünger ist als siebzig, erlebt den Frühling zum ersten Mal in ihrer Gegenwart. Die Atmosphäre ist von Schönheit und Duft erfüllt, während die beiden sich langsam annähern und ihre Gefühle füreinander entdecken. Die Protagonistin, Ida, wird als schön und bezaubernd beschrieben. Ihre Stimme wird mit Luft verglichen, und ihre Töne haben eine magische Wirkung auf den jungen Mann. Er ist von ihrer Schönheit fasziniert und bittet sie um ihre Finger, die sie ihm schließlich gibt. Die Szene endet damit, dass sie sich einander zuwenden und schweigen, während ihre Schwester sie in den kühleren Schattenweg ruft. Das Gedicht vermittelt eine romantische und verträumte Stimmung, die von der Schönheit der Natur und der aufkeimenden Liebe zwischen den beiden Protagonisten geprägt ist. Klopstock beschreibt die Szene mit feinen Details und einer poetischen Sprache, die den Leser in die Welt des Gedichts eintauchen lässt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Küsse kant′ er noch nicht; aber er küsst′ ihr doch Schnell die lebenden Blicke weg.
- Anapher
- Diesen Finger, nur ihn ... Schlank ist dein Wuchs, und leicht Senket der Tritt sich der gehenden. Ach den kleinen, nur ihn ... Röthlich die Wang, und doch Ist die Lippe noch lieblicher! Diesen schönsten, nur ihn gieb mir!
- Hyperbel
- Schön war die Laube, der Baum neben der Laube schön;
- Metapher
- In dem Maye war ihr eben das swölfte Jahr Mit dem Morgen dahin geflohn.
- Personifikation
- Schön war die Laube, der Baum neben der Laube schön; Blüthe duftete gegen sie.