Aus der Kindheit
1813»Ja, das Kätzchen hat gestohlen, und das Kätzchen wird ertränkt. Nachbars Peter sollst du holen, daß er es im Teich versenkt!«
Nachbars Peter hat′s vernommen, ungerufen kommt er schon: »Ist die Diebin zu bekommen, gebe ich ihr gern den Lohn!«
»Mutter, nein, er will sie quälen. Gestern warf er schon nach ihr, bleibt nichts andres mehr zu wählen, so ertränk′ ich selbst das Tier.«
Sieh, das Kätzchen kommt gesprungen, wie es glänzt im Morgenstrahl! Lustig hüpft′s dem kleinen Jungen auf den Arm zu seiner Qual.
»Mutter, laß das Kätzchen leben, jedesmal, wenn′s dich bestiehlt, sollst du mir kein Frühstück geben, sieh nur, wie es artig spielt!«
»Nein, der Vater hat′s geboten, hundertmal ist ihr verziehn!« »Hat sie doch vier weiße Pfoten!« »Einerlei! Ihr Tag erschien!«
»Nachbarin, ich folg′ ihm leise, ob er es auch wirklich tut!« Peter spricht es häm′scherweise, und der Knabe hört′s mit Wut.
Unterwegs auf manchem Platze bietet er sein Liebchen aus; aber keiner will die Katze, jeder hat sie längst im Haus.
Ach, da ist er schon am Teiche und sein Blick, sein scheuer, schweift, ob ihn Peter noch umschleiche - ja, er steht von fern und pfeift.
Nun, wir müssen alle sterben, Großmama ging dir vorauf, und du wirst den Himmel erben, kratze nur, sie macht dir auf!
Jetzt, um sie recht tief zu betten, wirft er sie mit aller Macht, doch zugleich, um sie zu retten, springt er nach, als er′s vollbracht.
Eilte Peter nicht, der lange, gleich im Augenblick herzu, fände er, es ist mir bange, hier im Teich die ew′ge Ruh.
In das Haus zurückgetragen, hört er auf die Mutter nicht, schweigt auf alle ihre Fragen, schließt die Augen trotzig-dicht.
Von dem Zucker, den sie brachte, nimmt er zwar zerstreut ein Stück; doch den Tee, den sie ihm machte, weist er ungestüm zurück.
Welch ein Ton! Er dreht sich stutzend, und auf einer Fensterbank, spinnend und sich emsig putzend, sitzt sein Kätzchen blink und blank.
»Lebt sie, Mutter?« »Dem Verderben warst du näher, Kind, als sie!« »Und sie soll auch nicht mehr sterben?« »Trinke nur, so soll sie′s nie!«
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Interpretation
Das Gedicht "Aus der Kindheit" von Friedrich Hebbel erzählt eine bewegende Geschichte über einen kleinen Jungen, der um das Leben seiner geliebten Katze kämpft. Die Katze hat gestohlen und soll als Strafe ertränkt werden. Der Junge versucht verzweifelt, das Leben seines Kätzchens zu retten, indem er selbst anbietet, die Tat zu übernehmen oder es jemand anderem zu schenken. Doch seine Bemühungen sind vergeblich, und er muss hilflos zusehen, wie die Katze ins Wasser geworfen wird. In einer dramatischen Wendung springt der Junge hinterher, um seine Katze zu retten. Glücklicherweise wird er von Nachbars Peter rechtzeitig gerettet, bevor er selbst ertrinkt. Nach diesem traumatischen Erlebnis kehrt der Junge nach Hause zurück, wo er sich weigert, mit seiner Mutter zu sprechen oder zu essen. Doch als er auf einmal das vertraute Geräusch seiner Katze hört, die wohlbehalten auf der Fensterbank sitzt, ist seine Freude grenzenlos. Die Mutter verspricht, dass die Katze nicht mehr sterben wird, wenn der Junge seinen Tee trinkt. Das Gedicht thematisiert auf eindringliche Weise die bedingungslose Liebe eines Kindes zu seinem Haustier und den schmerzhaften Verlust, den es erleidet. Es zeigt aber auch die Kraft der Hoffnung und die unerschütterliche Verbundenheit zwischen Mensch und Tier. Der Junge ist bereit, für seine Katze sein eigenes Leben zu riskieren, und seine Erleichterung und Freude, als er erfährt, dass sie überlebt hat, sind spürbar. Das Gedicht berührt den Leser durch seine emotionale Intensität und die ehrliche Darstellung der Gefühle eines Kindes.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Lustig hüpft's dem kleinen Jungen auf den Arm zu seiner Qual
- Hyperbel
- und du wirst den Himmel erben
- Ironie
- Trinke nur, so soll sie's nie!
- Metapher
- Nachbars Peter sollst du holen, daß er es im Teich versenkt!
- Personifikation
- jedesmal, wenn's dich bestiehlt, sollst du mir kein Frühstück geben