Aus der Jugend
1859Ich ging vorbei am Gotteshaus, Darin ich lang nicht war, Die Orgel lärmte waldhinaus So feierlich und klar.
Gar düster sah die Kirche drein Mit ihrem morschen Thurm, Doch rastlos dränget aus und ein Der frommen Menge Sturm.
Horch! jetzt verstummt der Feierklang Und ruhig wirds umher, Die Menge betet still und lang, Mir wird es auch nicht schwer.
Es ist ein Abend freundlich lind, Die Winde schlummern all, Wenn erst die Winde stille sind, Vernehm ich innern Schall.
In meiner Seele Tiefen singt Mein guter Genius, Aus meines Herzens Kammern springt, Befreit sich ein Entschluß.
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Interpretation
Das Gedicht "Aus der Jugend" von Ludwig Eichrodt erzählt von einem Menschen, der an einem Gotteshaus vorbeigeht und dabei in Erinnerungen an seine Jugend und seine spirituelle Entwicklung schwelgt. Die beschriebene Kirche wirkt düster und morsch, doch der fromme Menschenstrom, der ein- und ausgeht, verleiht ihr eine gewisse Lebendigkeit. Die zweite Strophe verdeutlicht den Kontrast zwischen der äußeren Erscheinung der Kirche und der inneren Bewegung, die sie durch die Gläubigen erfährt. Trotz der düsteren Atmosphäre wird die Kirche von einem ständigen Strom der Frömmigkeit belebt. In der dritten Strophe wird der Moment beschrieben, in dem der feierliche Klang der Orgel verstummt und die Menge still betet. Der Erzähler fühlt sich dabei nicht ausgeschlossen oder unbehaglich, sondern findet einen eigenen inneren Frieden. Die vierte Strophe beschreibt einen ruhigen Abend, an dem die Winde schlummern. In dieser Stille kann der Erzähler einen inneren Schall vernehmen, der aus der Tiefe seiner Seele kommt. Es ist der Gesang seines guten Genius, der aus den Kammern seines Herzens entspringt und einen Entschluss befreit. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine Botschaft der inneren Einkehr und der Verbindung zur eigenen spirituellen Natur. Es zeigt, wie der Erzähler trotz äußerer Umstände einen inneren Frieden und eine eigene spirituelle Erfahrung finden kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wiederholung des 's' in 'schlummern' und 'still'.
- Bildsprache
- Die Beschreibung des 'Abend[s] freundlich lind' und der 'Winde'.
- Hyperbel
- Die Beschreibung der Orgel als 'lärmend' für einen sehr lauten Klang.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen der 'düsteren' Kirche und dem 'feierlichen und klaren' Orgelklang.
- Metapher
- Der 'frommen Menge Sturm' als Metapher für die eifrige Bewegung der Menschen.
- Personifikation
- Die Orgel 'lärmte waldhinaus' und die Winde 'schlummern all'.
- Symbolik
- Die 'Seele Tiefen' und das 'Herz' als Symbole für innere Gefühle und Gedanken.