Aus der Ghaseleefabrik

Ludwig Eichrodt

1827

Ob es die Locken lockend, Augen auch, Die Lippenseime? weiß ich ganz und gar nicht. Ob ich im Strahle deines Angesichts, Im Wellenbade süßen Redeworts, In Liebe taumle oder Trunkenheit, Wach′ oder träume, weiß ich ganz und gar nicht. D′rum auch verzeihe mir, daß dich zu schau′n Ich Zeit versäume fleißig ganz und gar nicht; Weil And′res kaum mich Kranken hoffen läßt Fruchtlorbeerbäume - Reisig ganz und gar nicht. Dich aber, Zauberin, liebliche Nachtigall, Da deinem Lied der Seel′ entfalten sich Die Rosenkeime, preis ich ganz und gar nicht, So du dich nur in leere Luft verhauchst, Statt in die Saiten meines Busenspiels - Millionen Zäume leg der Sehnsucht an Und nur der Zäume dreißig ganz und gar nicht: Indem ich schwerlich bei Verstande bin, Wenn ich begeistert stolze Verse feil′, Denn arme Reime reiß ich ganz und gar nicht. Noch weniger aber dichten ungereimt Kann ich, denn Seume heiß ich ganz und gar nicht - Ein Dichter, wisset, liebesgramberauscht, Ist insgeheime bei sich ganz und gar nicht.

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Illustration zu Aus der Ghaseleefabrik

Interpretation

Das Gedicht "Aus der Ghaseleefabrik" von Ludwig Eichrodt ist eine poetische Reflexion über die Ungewissheit und die Ambivalenz menschlicher Gefühle und Erfahrungen. Der Sprecher ringt mit der Frage, ob seine Empfindungen von Liebe oder Trunkenheit geprägt sind, und gibt zu, dass er die Unterscheidung nicht treffen kann. Die Wiederholung des Satzes "weiß ich ganz und gar nicht" unterstreicht die Unsicherheit und die Unfähigkeit, Klarheit in seine Emotionen zu bringen. In den folgenden Versen wird die Ambivalenz weiter vertieft. Der Sprecher entschuldigt sich dafür, dass er keine Zeit verschwendet, die Geliebte zu sehen, da er sich auf andere Dinge konzentriert, die ihm Hoffnung geben. Doch auch hier ist die Ungewissheit präsent, da er andeutet, dass diese Hoffnung möglicherweise trügerisch ist. Die Verwendung von Bildern wie "Fruchtlorbeerbäume" und "Reisig" verstärkt die Unsicherheit und den Zweifel an der Realität seiner Erfahrungen. Im letzten Teil des Gedichts preist der Sprecher die Geliebte als "Zauberin" und "liebliche Nachtigall". Er bewundert ihre Fähigkeit, die "Rosenkeime" seiner Seele zu entfalten. Doch auch hier ist die Unsicherheit präsent, da er befürchtet, dass die Geliebte in "leere Luft" verhaucht, anstatt in die "Saiten" seines Herzens zu gelangen. Die Verwendung von Zahlen wie "Millionen Zäume" und "dreißig" unterstreicht die Intensität seiner Sehnsucht, aber auch die Unfähigkeit, sie vollständig auszudrücken. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass der Sprecher, obwohl er sich wie ein Dichter fühlt, in Wirklichkeit nicht bei sich selbst ist.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
ganz und gar nicht
Hyperbel
Millionen Zäume leg der Sehnsucht an
Ironie
Ein Dichter, wisset, liebesgramberauscht, Ist insgeheime bei sich ganz und gar nicht
Metapher
Fruchtlorbeerbäume
Personifikation
da deinem Lied der Seel' entfalten sich die Rosenkeime
Vergleich
Zauberin, liebliche Nachtigall