Aus der Dämmerung

Ernst Stadler

1904

In Kapellen mit schrägen Gewölben· zerfallnen Verließen und Scheiben flammrot wie Mohn und wie Perlen grün und Marmoraltären über verwitterten Fliesen sah ich die Nächte wie goldne Gewässer verblühn:

der schlaffe Rauch zerstäubt aus geschwungnen Fialen hing noch wie Nebel schwankend in starrender Luft· auf Scharlachgewirken die bernsteinschillernden Schalen schwammen wie Meergrundwunder im bläulichen Duft.

In dämmrigen Nischen die alten süßen Madonnen lächelten müd und wonnig aus goldrundem Schein. Rieselnde Träume hielten mich rankend umsponnen· säuselnde Lieder sangen mich selig ein.

Des wirbelnden Frühlings leise girrendes Locken· der Sommernächte Duftrausch weckte mich nicht: Blaß aus Fernen läuteten weiße Glocken . . Grün aus Kuppeln sickerte goldiges Licht . .

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Illustration zu Aus der Dämmerung

Interpretation

Das Gedicht "Aus der Dämmerung" von Ernst Stadler schildert eine mystische und verträumte Atmosphäre in einer alten, verfallenen Kirche. Die Bilder von zerfallenen Kapellen mit schiefergrauen Gewölben, roten und grünen Scheiben sowie Marmoraltären schaffen eine düstere, aber zugleich faszinierende Stimmung. Die Beschreibung der Nächte, die wie goldene Gewässer verblühen, verstärkt den Eindruck einer surrealen, fast unwirklichen Szenerie. Die zweite Strophe vertieft die mystische Atmosphäre durch die Darstellung von alten Madonnen, die müde und wonnig lächeln, sowie von träumerischen, rankenden Spinnennetzen und seligen Liedern. Diese Elemente verstärken das Gefühl der Verzauberung und des Eintauchens in eine andere, spirituelle Welt. Die Verwendung von Farben wie Gold, Bernstein und Blau trägt zur Schaffung einer magischen, fast märchenhaften Umgebung bei. In der letzten Strophe wird der Übergang von der Traumwelt zurück in die Realität angedeutet. Die leise girrende Locken des Frühlings und der Duftrausch der Sommernächte wecken den Träumer nicht auf, was auf eine tiefe Versunkenheit in die mystische Erfahrung hindeutet. Die weißen Glocken und das goldige Licht, das aus den Kuppeln sickert, symbolisieren den Übergang vom Dunkeln zum Licht und könnten als Metapher für Erleuchtung oder spirituelle Erweckung interpretiert werden. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine Reise durch eine spirituelle und mystische Landschaft, die den Leser in ihren Bann zieht.

Schlüsselwörter

grün kapellen schrägen gewölben zerfallnen verließen scheiben flammrot

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
schlaffe Rauch zerstäubt aus geschwungnen Fialen
Bildsprache
Rieselnde Träume hielten mich rankend umsponnen· säuselnde Lieder sangen mich selig ein
Hyperbel
In Kapellen mit schrägen Gewölben· zerfallnen Verließen
Metapher
Nächte wie goldne Gewässer verblühn
Personifikation
Blaß aus Fernen läuteten weiße Glocken
Synästhesie
bernsteinschillernden Schalen schwammen wie Meergrundwunder im bläulichen Duft
Vergleich
Scheiben flammrot wie Mohn und wie Perlen grün