Aus dem Walde
1833Mit dem alten Förster heut bin ich durch den Wald gegangen, während hell im Festgeläut′ aus dem Dorf die Glocken klangen.
Golden floß ins Laub der Tag, Vöglein sangen Gottes Ehre, fast, als ob der ganze Hag wüßte, daß es Sonntag wäre.
Und wir kamen ins Revier, wo, umrauscht von alten Bäumen, junge Stämmlein sonder Zier sproßten auf besonnten Räumen.
Feierlich der Alte sprach: “Siehst du über unsern Wegen hochgewölbt das grüne Dach? Das ist unsrer Ahnen Segen.
Denn es gilt ein ewig Recht, wo die hohen Wipfel rauschen; von Geschlechte zu Geschlecht geht im Wald ein ewig Tauschen.
Was uns not ist, uns zum Heil ward′s gegründet von den Vätern; aber das ist unser Teil, daß wir gründen für die Spätern.
Drum im Forst auf meinem Stand ist mir′s oft, als böt′ ich linde meinem Ahnherrn diese Hand, jene meinem Kindeskinde.
Und sobald ich pflanzen will, pocht das Herz mir, daß ich′s merke, und ein frommes Sprüchlein still muß ich beten zu dem Werke.
“Schütz euch Gott, ihr Reiser schwank! Mögen unter euren Kronen, rauscht ihr einst den Wald entlang, Gottesfurcht und Freiheit wohnen!
Und ihr Enkel, still erfreut, mögt ihr dann mein Segnen ahnen wie′s mit frommem Dank mich heut an die Väter will gemahnen.”
Wie verstummend im Gebet schwieg der Mann, der tiefergraute, klaren Auges, ein Prophet, welcher vorwärts, rückwärts schaute.
Segnend auf die Stämmlein rings sah ich dann die Händ′ ihn breiten; aber in den Wipfeln ging′s wie ein Gruß aus alten Zeiten.
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Interpretation
Das Gedicht "Aus dem Walde" von Emmanuel Geibel thematisiert die tiefe Verbundenheit des Menschen mit der Natur, insbesondere dem Wald, und die Verantwortung, die damit einhergeht. Der Erzähler begibt sich mit einem alten Förster durch den Wald, während im Dorf die Glocken zum Sonntag läuten. Die Atmosphäre ist von einer fast heiligen Stimmung geprägt, die den Wald als einen Ort der Ehrfurcht und des Friedens erscheinen lässt. Der Förster, als Hüter des Waldes, vermittelt dem Erzähler die Bedeutung des Waldes als Erbe der Vorfahren und als Verpflichtung für zukünftige Generationen. Er spricht von einem "ewigen Recht" und einem "ewigen Tauschen", was die Kontinuität und die Verantwortung für die Bewahrung und Pflege des Waldes symbolisiert. Der Wald wird als ein Ort dargestellt, an dem die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft in Einklang stehen. Die Handlung des Pflanzens wird als eine fromme und bedeutungsvolle Tat beschrieben, die mit einem Gebet verbunden ist. Der Förster wünscht sich, dass unter den Kronen der gepflanzten Bäume "Gottesfurcht und Freiheit" wohnen mögen, und hofft, dass zukünftige Generationen seinen Segen ahnen und dankbar an die Vorfahren denken. Das Gedicht schließt mit einer ehrfürchtigen Stimmung, in der der Förster die jungen Bäume segnet, während in den Wipfeln ein Gruß aus alten Zeiten zu spüren ist, der die Verbindung zwischen den Generationen und die Beständigkeit der Natur unterstreicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Mit dem alten Förster heut
- Anapher
- wie's mit frommem Dank mich heut an die Väter will gemahnen
- Bildsprache
- wo die hohen Wipfel rauschen
- Hyperbel
- Das ist unsrer Ahnen Segen
- Metapher
- Golden floß ins Laub der Tag
- Metonymie
- Segnend auf die Stämmlein rings
- Personifikation
- Vöglein sangen Gottes Ehre
- Symbolik
- Gottesfurcht und Freiheit wohnen
- Synästhesie
- klaren Auges, ein Prophet
- Vergleich
- fast, als ob der ganze Hag wüßte, daß es Sonntag wäre