Aus dem Trauerspiel »Epicharis«

Daniel Caspar von Lohenstein

1665

Große Götter, wie viel Jahre Soll der Weltkreis eine Bahre, Rom der Völker Zuchthaus sein? Jeder Abgott tritt mit Füßen Uns, die wir ihm opfern müssen, Schließt in Stahl und Stein uns ein. Schickt demnach gerechter Sache, Große Götter, Rache! Rache!

Ihr Sklavinnen, wollt ihr das Joch abwerfen, Das doch ich selbst, ich Mutter, tragen muß? Wenn auf mein Haupt die Kinder Dolche schärfen, So zins′ ich Blut; ihr blos den Ueberfluß; Ja, wenn ihr nur von ferne donnern höret, Wird durch den Blitz mein Herze selbst versehret.

Der Ungeduld ist jedes Reich zu schwer; Ein böses Kind flucht seiner Mutter Ruthe. Gott straft mit Fug mit Drangsal und mit Blute Die, die nicht sind von eigner Blutschuld leer. Ja, wißt, daß euer Meer verdammter Missethat Die Tyrannei noch nicht halb ausgemessen hat.

Verhängniß, nimm mir Kron′ und Zepter wieder! Ich mag nicht mehr der Völker Göttinn sein; Der Erde Haupt legt vor euch willig nieder Mit soviel Qual des Purpurs falschen Schein! Jedoch laßt mich noch mein Verhängniß wissen, Weil Götter doch nichts Aenderliches schließen.

Verlangst du nun Wahrsagung erst von mir? Sie war um Geld ja dem Tarquin zu theuer! Geh, scharre Buch und Weisheit aus dem Feuer; Die Asche wird noch Zeichen weisen dir! Geh, lies bei Cumä′s Kluft die Palmenblätter auf! Auf selben steht vermerkt der künft′gen Jahre Lauf.

Blätter streut der Wind vonsammen, Und wer lieset, was in Flammen Für Geheimniß ist versteckt? Vorschmack künft′ger Angst und Schmerzen Flößt dem Feinde Trost zum Herzen; Wo uns demnach wird entdeckt, Was den Abgott Rom soll pressen, Woll′n wir Sorg′ und Angst vergessen.

Eh′ als der Glanz der Weisheit krönte mich, Ward schon ihr Heil gewidmet, Rom zu dienen. Was kommen soll und was schon ist erschienen, Soll, ew′ges Rom, mein Spiegel lehren dich. Denn das Verhängniß hat nichts so Geheimes nicht, Es bringt die Weisheit es, eh′ es geschieht, an′s Licht.

Jetzt tritt ein Löw′ ein güldnes Bild zu Grunde; Ulysses schläft bei der Siren′ itzt ein; Nun beißt ein Fuchs dem Bilde Narb′ und Wunde; Die Natter sticht′s itzt bis auf Mark und Bein; Jetzt will ein Aff′ erst mit ihm Kurzweil treiben; Nun will es gar ein Basilisk aufreiben.

Rom ist das Bild, die Freiheit war das Gold; Jetzt aber ist in Eisen es gewandelt. Nun Tyrannei so schlimm mit dir gehandelt, Verstehst du nun, was dies Gemälde wollt′? Jedwedes grimme Thier, das an dem Bilde nagt, Malt einen Fürsten ab, der dich zeither geplagt.

Wahr leider ist′s! Des Cäsar′s Löwenklauen Zermalmeten der Freiheit güldnes Bild. Augusten sehn, hieß recht, Sirenen schauen; Sein Glimpf stahl, was des Grimm′s ich noch behielt. Kein schlimm′rer Fuchs kann, als Tiber, nicht leben; Er konnte Gift in güldnen Pillen geben.

Der Cajus war zur Natter mir geboren Und auserwählt zum Phaethon der Welt. Hat Claudius, der Affe seiner Thoren, Der Knechte Knecht, mehr Römer nicht gefällt, Als Tyrannei? Ja, meine Seel′ empfindet, Daß Nero Basilisken überwindet.

Basilisken, Nattern, Affen, Fuchs, Sirene, Löwe schaffen Nicht so große Qual und Pein, Als bis jetzt auf diese Stunde Rom, die Wölfinn, unserm Munde Gift und Schmerzen flößet ein. Wollet, Götter, drum beschließen, Daß Rom besser müsse büßen.

Rom büßet ja! Kommt, schaut die Thier′ umdrehn! Schaut Basilisk und Aff′ und Nattern kommen! Der Fuchs folgt, die Sirene kommt geschwommen, Und endlich läßt sich auch der Löwe sehn. Doch will ich dir, Rom, klärer stell′n vor Augen, Sie, die dir noch soll′n Mark und Bein aussaugen.

Ich sehe sich itzt einen Bär aufsetzen; Nun kratzt mich eine Katze bis auf′s Blut; Jetzt will ein Schwein auf mich die Zähne wetzen; Nun saugt mir aus ein Egel Milch und Gut; Jetzt liebkos′t mir ein Hund, der doch auch beißet; Nun seh′ ich, wie ein Tiger mich zerreißet.

Sibylle.

Der Bär wird sein des Galba strenger Wahn; Die Katze wird ein Otho sein zu schauen; Das Schwein Vitell wird rasend um sich hauen; Der Egel ist der Geiz Vespasian; Wenn Titus leckt und kost′t, sieht doch ein Hund herfür; Dem folgt Domitian, das grimmste Tigerthier.

Ach! ward ich denn darum die Sonn′ auf Erden, Daß ich durch diesen Thierkreis müsse gehn, Wo nur Irrlichter glimm- und brennend werden Und solche zwölf erboste Thiere stehn, Die zwar am Thron als holde Sterne lachen, Doch, wirken sie, sich zu Kometen machen!

Wohl, wohl! Die gerechte Rache Nimmt sich unsrer guten Sache Mit gewünschtem Nachdruck an. Ja, nun Rom es muß erfahren, Daß kein Wolf geraubte Waaren Ohne Schmerz verdauen kann, Haben unsre Schmerz- und Wunden Rache, Salb′ und Heilung funden.

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Illustration zu Aus dem Trauerspiel »Epicharis«

Interpretation

Das Gedicht "Aus dem Trauerspiel »Epicharis«" von Daniel Caspar von Lohenstein ist eine dramatische Klage über die Tyrannei in Rom. Die Sprecherin, vermutlich eine prophetische Figur wie die Sibylle, beklagt die Unterdrückung und das Leid, das Rom seinen Untertanen zufügt. Sie ruft die Götter an, um Rache für die Ungerechtigkeit zu fordern und hofft auf eine bessere Zukunft. Die Sprecherin verwendet starke Bilder und Metaphern, um die Tyrannei zu beschreiben. Sie vergleicht Rom mit einem "Abgott", der seine Anhänger unterdrückt und in "Stahl und Stein" einschließt. Sie erwähnt auch verschiedene Tiere, die verschiedene römische Herrscher symbolisieren, wie den Löwen für Caesar, den Fuchs für Tiber und den Basilisken für Nero. Diese Tiere werden als grausam und zerstörerisch dargestellt, was die negativen Auswirkungen ihrer Herrschaft verdeutlicht. Das Gedicht endet mit der Hoffnung auf Rache und Heilung. Die Sprecherin glaubt, dass Rom für seine Verbrechen büßen wird und dass die Tyrannei letztendlich scheitern wird. Sie ruft die Götter an, um sicherzustellen, dass Rom "besser müsse büßen" und dass die Unterdrückten endlich Gerechtigkeit erfahren werden.

Schlüsselwörter

rom soll götter rache fuchs will große tyrannei

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Stilmittel

Hyperbel
Große Götter, wie viel Jahre
Metapher
Daß kein Wolf geraubte Waaren ohne Schmerz verdauen kann
Personifikation
Jeder Abgott tritt mit Füßen