Aus dem Tagebuch eines Berliner Arbeiters

Adolf Glaßbrenner

1830

Dännemärkerken.

Zu besiegen det marklose Dännemark, Det war doch für uns en wahrer Quark, Aber jejen drei oder vier Diplomaten Sind wir sogleich – in die Tinte jerathen. Man immer englisch.

Jetzt haben wir schon Konstaplersch hier Janz nach de englische Manier; Nu noch en adlijet Oberhaus, Denn ha’n wir jespaßt, denn is et aus! Mir scheint als wollten Die, die rejieren, Unsre errung’ne Freiheit englisiren. Det heeßt: die englische Krankheit jeb’n se uns jern, Die Jesundheit von England halten se fern. 1 = 10.

An Deutschlands bald’ger 1heit Da 2fle ich noch sehr; Ick jebe keenen 3er 4 diese Hoffnung her. 5 Nationalitäten Sind, wo 6 Deutsche stehn, Die Alle abzu7, Gebt 8, det wird nich jehn: Viel sind dem 9 noch abhold Vom Scheitel bis zum 10. Zu Weihnachten.

Bis zu Weihnachten bau’n se an de Verfassungs-Pergamide: Kinder, nu wird uns bescheert! Heißa, der Niklas is da! Der Prophet.Mel.: Gieb, blanker Bruder, gieb uns Wein etc. Nu, Brüderken, noch eenen Schnaps, Komm, Brüderken, schenk’ ein! Denn krieg’ ick den prophet’schen Raps Un werd’ Dir prophezeihn. Du wirst et balde einjestehn, Det ick der Klügste bin, Drum merke Dir die Worte schön Un ihren tiefen Sinn. En König is en mächtjer Herr, Bei Jott, ick sag’t nich jern; Is eine Nußschaal’ jänzlich leer, So hat sie keenen Kern. Minister sind sehr kluge Leut, Wenn sie recht weise sind; En Wallfisch is in Wirklichkeit Viel jrößer als en Stint. En Fink’ is keene Nachtijall, En Bäcker is keen Rath; En Volk jehört fast überall Ooch mit zu eenem Staat. Charlottenburg is keen Berlin, En Schweinestall keen Haus, Un schickst Du wo en Ochsen rin, En Ochs kommt wieder raus. En Knecht, det is keen freier Mann, En Lieutnant keen Cap’tain; Wenn Eener nich mehr vorwärts kann, Bleibt er gewöhnlich stehn. En Reiter uf det hohe Pferd Sieht über Andre weck; Wer stets den Blick nach oben kehrt, Fällt manchmal in den Dreck. En Deputirter is en Mann, Der sitzt bald rechts, bald links; Wenn Eener jar nich reden kann, Denn schweigt er schlechterdings. En Junker dumm un liederlich Bläht oft sich wie en Pfau; Der Esel läßt das Schreien nich, Wird er ooch alt un jrau. An eene Lüje stickt man nich, Det wär’ ooch sehr fatal, Denn predigte keen Pfaffe nich Mehr als en eenzig Mal. Wer jar keen Jeld hat, der is arm, Wer viel hat, der is reich; Verschied’ne Herrn un Knechte sind Nich Alle frei und jleich. Wer eenen schweren Jeldsack drägt, Der schreitet nich zu schnell, Un wer sich in den Schatten legt, Dem is de Sonn’ zu hell. Wer uf de frommen Fürsten baut, Det is en frommer Christ; En Huhn, wat sich dem Fuchs vertraut, Det weeß nich, wat der frißt. Constabler. Tret’ ick des Morjens aus det Haus, Bejejent mir ’n Constabler! Un kaum bin ick zehn Schritte raus, So komm’n en Paar Constabler!! Bis zu der Arbeetsstelle hin Seh’ ick noch drei Constabler!!! Un wenn ick anjekommen bin Da find’ ick vier Constabler!!!! Jeh’ ick det Abends wieder fort, So zieh’n mit mir Constabler!!!!! Un unterwegs an jeden Ort, Uf jeden Fleck: Constabler!!!!!! Wend’ ick mir rechts, wend’ ick mir links, Ick stoße uf Constabler!!!!!!! Un noch im Traume, schlechterdings, Umjeben mir Constabler!!!!!!!! Nu halt’ ick ’t länger nich mehr aus, Hier unter die Constabler!!!!!!!!! Ick sterbe: uf den Kirchhof, Jraus, Da stehen ooch Constabler!!!!!!!!!! Gebet der belagerten Berliner.

Vater Wrangel, der Du bist im Schlosse, Gepriesen sei, wie Brandenburgs, Dein Name Zu uns kamen Deine Kanonen; Dein Wille geschieht gegen Himmel und Erde! Unser täglich Brod giebst Du den Soldaten, Und vermehrst unsere Schulden, Wie Du vertrittst die Schuldigen. Führe uns nicht in Versuchung! Sondern erlöse uns von dem Uebel, Denn Dein ist der Geist des ganzen Preußens Und seine Kraft und seine Herrlichkeit, So lange es dauert. Amen! Regenwetter

in Potsdam.

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Illustration zu Aus dem Tagebuch eines Berliner Arbeiters

Interpretation

Das Gedicht "Aus dem Tagebuch eines Berliner Arbeiters" von Adolf Glaßbrenner ist eine satirische und kritische Auseinandersetzung mit den politischen und sozialen Verhältnissen in Preußen im 19. Jahrhundert. Durch die Verwendung des Berliner Dialekts und einer Mischung aus ernsten und humorvollen Tönen schafft Glaßbrenner eine einzigartige Perspektive auf die damalige Zeit. Der erste Teil des Gedichts befasst sich mit der Niederlage Dänemarks und der anschließenden englischen Einflussnahme auf die preußische Politik. Glaßbrenner kritisiert die Unfähigkeit der preußischen Diplomaten und die zunehmende Verbreitung englischer Sitten und Institutionen, wie die Einführung von Constablern und eines Oberhauses. Er befürchtet, dass die Errungenschaften der Freiheit durch den englischen Einfluss verloren gehen könnten. Im zweiten Teil des Gedichts geht es um die Hoffnung auf eine baldige Einheit Deutschlands und die Bedeutung der Nationalitäten. Glaßbrenner betont, dass die Deutschen die verschiedenen Nationalitäten nicht unterdrücken können und dass viele Menschen noch immer gegen die Idee der Einheit sind. Der Dichter verwendet eine Art Rätsel, bei dem Zahlen durch Wörter ersetzt werden, um seine Botschaft zu vermitteln. Der dritte Teil des Gedichts ist eine humorvolle und scharfe Kritik an den verschiedenen sozialen Schichten und Berufen. Glaßbrenner verwendet Vergleiche und Metaphern, um die Absurditäten und Ungerechtigkeiten der Gesellschaft aufzuzeigen. Er macht sich über Könige, Minister, Adlige, Bauern und andere Gruppen lustig, um die Widersprüche und Ungerechtigkeiten des Systems aufzuzeigen. Im vierten Teil des Gedichts beschreibt der Dichter die allgegenwärtige Präsenz der Constabler in Berlin. Er drückt seine Frustration und Verzweiflung über die ständige Überwachung und Kontrolle durch die Polizei aus. Der Dichter fühlt sich erdrückt und erstickt von der Anwesenheit der Constabler und sieht keinen Ausweg aus dieser Situation. Der letzte Teil des Gedichts ist ein Gebet der belagerten Berliner, in dem sie sich an Vater Wrangel wenden, den preußischen Generalfeldmarschall. Die Berliner bitten um Schutz und Unterstützung in ihrer Notlage und drücken ihre Hoffnung auf eine baldige Lösung der Krise aus. Das Gedicht endet mit einem Verweis auf das schlechte Wetter in Potsdam, was möglicherweise als Metapher für die düstere politische Lage in Preußen zu dieser Zeit interpretiert werden kann.

Schlüsselwörter

ick det nich constabler keen ooch bald viel

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Jetzt haben wir schon Konstaplersch hier
Hyperbel
Da stehen ooch Constabler!!!!!!!!!!
Ironie
Gebet der belagerten Berliner
Metapher
Det war doch für uns en wahrer Quark
Personifikation
Vater Wrangel, der Du bist im Schlosse
Reim
Die englische Krankheit jeb’n se uns jern, Die Gesundheit von England halten se fern
Symbolik
Vater Wrangel
Wiederholung
Constabler!!!!!!!!!