Aus dem neuen Völker-Frühlingg

Ludwig Eichrodt

1869

Motto: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht.

Heilige Gewässer wälzen Sich vom Grat des Himalaya, Und die Muse geht auf Stelzen, Kaufbesorgt vom Sohn der Maja: Aus erloschner Felsengrotte Tönet delphisches Orakel, Doch die Welt steht vor dem Gotte Mit der umgekehrten Fackel. Wenn sich Selene entschleiert dem Pol, Dunkler Geheimnisse Schmerz-Alkohol Jauchzt in Phiolen und schäumet Mirakel.

Aus dem Geisterland der Skythen Weht es ahnungsvoll herüber, Durch die Dämmerung der Mythen Zittern Schwerter, gros Kaliber. Fluch, o Fluch dem kranken Wahne, Segen jeder stummen Klage, Tröstung jeder Karawane, Friede jedem Sarkophage! Sonnig im Ozean schlummert das Ei Seliger Insel und Akakelei Strahlt vom Skorpion und entschimmert der Waage.

Lasset mich vom Aetna schreiten Ueber hadesgraue Schlacken, Laßt mich in die Fluth der Zeiten Tauchen mit dem Priesternacken; Unabsehbar schleichen Züge Schneegezeugter wilder Ahnen Um die eingesargte Lüge Des Jahrhunderts der Alanen. Zweifelhaft ist die Unsterblichkeit, Hol mich der Teufel eh′ morgen als heut, Neue Geschlechter zahnen.

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Illustration zu Aus dem neuen Völker-Frühlingg

Interpretation

Das Gedicht "Aus dem neuen Völker-Frühling" von Ludwig Eichrodt ist ein komplexes und symbolträchtiges Werk, das sich mit den Themen Geschichte, Kultur und Spiritualität auseinandersetzt. Das Motto "Die Weltgeschichte ist das Weltgericht" deutet bereits auf die grundlegende These des Gedichts hin, dass die Geschichte ein Ort des Urteils und der Offenbarung ist. Das erste Strophenpaar beschreibt eine Reise von heiligen Gewässern aus dem Himalaya, begleitet von der Muse, die auf Stelzen geht und vom "Sohn der Maja" (vermutlich ein Verweis auf den buddhistischen Glauben) beauftragt ist. Das delphische Orakel ertönt aus einer erloschenen Felsengrotte, während die Welt vor Gott steht, symbolisiert durch die umgekehrte Fackel. Dies könnte auf eine Umkehr oder Verkehrung der traditionellen religiösen und kulturellen Werte hindeuten. Der Bezug auf Selene (die Mondgöttin) und den "Schmerz-Alkohol" der dunklen Geheimnisse lässt auf eine mystische oder alchemistische Dimension schließen. Im zweiten Strophenpaar weht ein Hauch aus dem Geisterland der Skythen, was auf eine Verbindung zu alten Kulturen und Mythen hindeutet. Die zitternden Schwerter und das große Kaliber könnten auf kommende Konflikte oder Umbrüche hinweisen. Der Fluch des kranken Wahns und der Segen der stillen Klage, die Tröstung jeder Karawane und der Frieden jedes Sarkophags könnten als Symbole für die Dualität von Zerstörung und Trost, von Tod und Hoffnung interpretiert werden. Die "selige Insel" im Ozean und die "Akakelei" (vermutlich eine Anspielung auf das japanische Theater) könnten auf eine Sehnsucht nach einem paradiesischen oder idealen Zustand hindeuten. Im letzten Strophenpaar bittet der Sprecher darum, vom Ätna über die grauen Schlacken zu schreiten und in die Flut der Zeiten mit dem "Priesterhals" einzutauchen. Dies könnte als eine Metapher für die Auseinandersetzung mit der Geschichte und den Mythen verstanden werden. Die "wilden Ahnen" und die "eingesargte Lüge des Jahrhunderts der Alanen" könnten auf die Verstrickung in historische und kulturelle Irrtümer hinweisen. Die Zweifel an der Unsterblichkeit und die Erwähnung neuer Geschlechter, die zahnen, lassen auf eine skeptische Haltung gegenüber traditionellen Glaubenssätzen und eine Hinwendung zu neuen, unbekannten Kräften schließen.

Schlüsselwörter

fluch jeder motto weltgeschichte weltgericht heilige gewässer wälzen

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Stilmittel

Alliteration
Kaufbesorgt vom Sohn der Maja
Bildsprache
Durch die Dämmerung der Mythen zittern Schwerter, gros Kaliber
Hyperbel
Hol mich der Teufel eh′ morgen als heut
Metapher
Neue Geschlechter zahnen
Personifikation
Die Muse geht auf Stelzen