Aus dem Buch der Liederlichkeit

Ludwig Eichrodt

1869

Ich möchte gerne, wo an allem Ort Ein hohes Fauenbild sich quälend sehnet Nach Liebesthat zu süßem Liebeswort, Ihr nahen, da sie Gluth sich nahe wähnet Und harret einsam an dem Steine dort, Dran sie gedankenvoll und prächtig lehnet: Ich möchte solcher Edeln jede finden Zu trauter Stunde, wenn die Strahlen schwinden.

Die rohen Narren, Männer sonst genannt, Gehn ihr vorüber, witzlos, ohne Fühlen, Mich hat ein unsagbarer Blick gebannt, Am Säulenschacht muß ich die Stirne kühlen, Auf reinen Formen weil′ ich unverwandt, Mit Aug′ und Sinn in Reiz mich einzuwühlen. Schon ist der Finger neckend Spiel begonnen Und ernste Rede führt zum Thron der Wonnen!

Ihr indischen Rosendüfte, Habt ihr mein Mädchen gesehn? Ihr Wellen, die ich beschiffte, Habt ihr vernommen ihr Flehn?

Es war in dunkler Stunde Da schritten wir über den Sand, O, habt ihr gar keine Kunde, Wohin meine Göttin verschwand?

Sie weint′, ich konnte nicht weinen, Und endlich weint′ ich auch - Ich that es nur ihr zu Liebe … Wir schritten im Windeshauch.

Nun sprecht, ihr Wellen, ihr Düfte, Habt ihr mein Mädchen geseh′n? O Pipi, Pepi, mein Täubchen, Vernimmst du nicht mein Fleh′n?

O, sprecht ihr Wellen, ihr Düfte, Habt ihr sie besser gerührt? Habt ihr durch süßere Klagen Lacertchen mir entführt?

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Illustration zu Aus dem Buch der Liederlichkeit

Interpretation

Das Gedicht "Aus dem Buch der Liederlichkeit" von Ludwig Eichrodt thematisiert in seinen beiden Teilen unterschiedliche Aspekte von Liebe und Verlangen. Im ersten Teil beschreibt der Sprecher ein intensives Verlangen, einer edlen Frau in einem Moment der Einsamkeit und Sehnsucht zu begegnen. Die Frau wird als eine idealisierte Figur dargestellt, die nach Liebe und Zärtlichkeit strebt. Der Sprecher kontrastiert sich selbst mit den "rohen Narren", den gewöhnlichen Männern, die an ihr vorbeigehen, ohne ihre Schönheit und ihren Charme zu erkennen. Er hingegen ist von einem "unsagbaren Blick" gebannt und widmet sich der Frau mit Hingabe, indem er sich in ihre Reize "einzuwühlen" versucht. Der zweite Teil des Gedichts wechselt den Ton und wird zu einer Klage um ein verlorenes Mädchen namens Pipi oder Pepi. Der Sprecher richtet sich an die indischen Rosendüfte und die Wellen, in der Hoffnung, dass sie ihm sagen können, wo sich seine Geliebte aufhält. Er beschreibt eine gemeinsame Nacht am Strand, in der er und das Mädchen zusammen waren, aber nun getrennt sind. Der Sprecher weint um das Mädchen, obwohl er es nicht kann, und bittet die Natur, ihm zu sagen, ob sie sie besser behandeln kann als er. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine tiefe Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit, sowohl in der idealisierten Begegnung mit einer edlen Frau als auch in der Klage um ein verlorenes Mädchen. Es zeigt die verschiedenen Facetten der Liebe, von der leidenschaftlichen Begierde bis zur traurigen Sehnsucht nach dem Verlorenen.

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Stilmittel

Alliteration
schritten im Windeshauch
Anapher
Habt ihr mein Mädchen gesehn?
Hyperbel
unsagbarer Blick
Kontrast
Ich tat es nur ihr zu Liebe ... Wir schritten im Windeshauch
Metapher
Thron der Wonnen
Personifikation
Ein hohes Fauenbild sich quälend sehnet
Rhetorische Frage
O, habt ihr gar keine Kunde, Wohin meine Göttin verschwand?