Aurelia

Adolf Friedrich Graf von Schack

1897

Geflohn hab′ ich den gelben Tiber, Und dich, o Weib, das mich betrog, Als Liebe mir, ein glühend Fieber, Am Mark des Lebens sog.

Doch, ob uns Himmelweiten trennen, Noch klopft mein Herz mit wildem Schlag, Und heiß die Wange fühl′ ich brennen, Wie an dem Scheidetag.

Der schwarzen Augen sengend Feuer - Wollüstig wallt durch Geist und Sinn Mir noch von ihm ein immer neuer Glutstrom entnervend hin.

Und fliehend auf entlegnen Meeren, Fleh′ ich umsonst die Sterne an, Die unbarmherz′gen, mich zu lehren, Wie ich vergessen kann.

Fort rollt mein Schiff zum fernen Westen, Doch läßt dein Bann mich nicht entfliehn Und hält mich fest in den Palästen, Den Gärten auf dem Palatin.

Auf Schutt, bedeckt mit schwarzem Staube, Zieht′s mich durch rankendes Geschling Hin zu der dunklen Myrtenlaube, Wo mich dein Arm so oft umfing.

Mein heißes Haupt in dumpfem Brüten Lehnt sich auf einen Säulenknauf, Und um mich steigt, mit Duft der Blüten, Der Moderhauch aus Gräbern auf.

Am Himmel durch die wetterschwere Nachtluft wälzt sich ein Wolkenzug, Und schrillend flattert her vom Meere Ein Möwenschwarm in hast′gem Flug.

Da regt sich′s in den Myrtenzweigen; Herab von ihrem Piedestal Seh′ ich der Venus Bild sich neigen; Die Luft durchzuckt ein Wetterstrahl.

Dich, dich erkenn′ ich bei dem Lichte, Und langsam legt sich, furchtbar Weib, Wie starr den Blick ich auf dich richte, Dein Marmorarm um meinen Leib.

Fliehn will ich, doch auf meine Stirne Drückst du den Mund, zum Herzen jäh Schießt mir das Blut, und im Gehirne Fühl′ ich ein tödlich süßes Weh.

Der Atem stockt mir, im Erwachen Fahr′ ich entsetzt vom Pfühl empor, Und dumpf erschallt der Bretter Krachen, Der Wogen Donner an mein Ohr.

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Illustration zu Aurelia

Interpretation

Das Gedicht "Aurelia" von Adolf Friedrich Graf von Schack handelt von der unerfüllten Liebe des lyrischen Ichs zu einer Frau namens Aurelia. Das Ich flieht vor der Verratenen, doch die Erinnerungen an die gemeinsame Zeit lassen es nicht los. Die Sehnsucht und Leidenschaft brennen noch immer in ihm, obwohl er sich in der Ferne befindet. Das lyrische Ich befindet sich auf einem Schiff, das in den Westen segelt. Doch der Bann der verlorenen Liebe hält es gefangen und lässt es nicht entfliehen. Es wird von Erinnerungen an die gemeinsamen Paläste und Gärten auf dem Palatin heimgesucht. Das Ich sucht Zuflucht in einer dunklen Myrtenlaube, wo es einst von Aurelia umfangen wurde. In der Myrtenlaube kommt es zu einer Vision. Im Blitzlicht erkennt das Ich Aurelia wieder. Sie legt ihren marmornen Arm um seinen Leib und drückt ihm einen Kuss auf die Stirn. Das Ich spürt eine tödlich süße Qual in seinem Herzen. Es erwacht entsetzt aus dieser Vision und hört das Krachen der Bretter und das Donnern der Wellen an seinem Ohr. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Verzweiflung und der Unfähigkeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
heiß die Wange
Anspielung
den Gärten auf dem Palatin
Apostrophe
Fleh′ ich umsonst die Sterne an
Hyperbel
Und heiß die Wange fühl′ ich brennen, / Wie an dem Scheidetag.
Metapher
der Bretter Krachen, / Der Wogen Donner
Personifikation
Doch läßt dein Bann mich nicht entfliehn
Symbolik
Moderhauch aus Gräbern