Augen in der Großstadt

Kurt Tucholsky

1930

Wenn du zur Arbeit gehst am frühen Morgen, wenn du am Bahnhof stehst mit deinen Sorgen: da zeigt die Stadt dir asphaltglatt im Menschentrichter Millionen Gesichter: Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider - Was war das? vielleicht dein Lebensglück… vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang auf tausend Straßen; du siehst auf deinem Gang, die dich vergaßen. Ein Auge winkt, die Seele klingt; du hast’s gefunden, nur für Sekunden… Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider - Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück… Vorbei, verweht, nie wieder.

Du musst auf deinem Gang durch Städte wandern; siehst einen Pulsschlag lang den fremden Andern. Es kann ein Feind sein, es kann ein Freund sein, es kann im Kampfe dein Genosse sein. Er sieht hinüber und zieht vorüber… Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider - Was war das? Von der großen Menschheit ein Stück! Vorbei, verweht, nie wieder.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Augen in der Großstadt

Interpretation

Das Gedicht "Augen in der Großstadt" von Kurt Tucholsky beschreibt die flüchtigen und oft unbemerkten Begegnungen in einer Großstadt. Es beginnt mit der Morgenszene, in der der Protagonist zur Arbeit geht und am Bahnhof mit seinen Sorgen steht. Die Stadt zeigt ihm in der Menschenmenge Millionen von Gesichtern, darunter zwei fremde Augen, die ihm für einen kurzen Moment begegnen. Diese Begegnung könnte sein Lebensglück sein, doch sie vergeht, verweht und kommt nie wieder. Im zweiten Teil des Gedichts reflektiert der Protagonist über sein Leben, das er auf tausend Straßen verbringt und dabei viele Menschen sieht, die ihn vergessen haben. Auch hier gibt es ein Auge, das ihm zuwinkt und seine Seele berührt. Er hat etwas gefunden, aber nur für Sekunden. Die Begegnung mit den fremden Augen wiederholt sich, doch die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Es ist vorbei, verweht und kommt nie wieder. Im letzten Teil des Gedichts wird die Vielfalt der Begegnungen in der Stadt betont. Der Protagonist wandert durch Städte und sieht für einen Pulsschlag lang den fremden Anderen. Es kann ein Feind sein, ein Freund oder ein Genosse im Kampf. Der andere sieht hinüber und zieht vorüber. Die Begegnung mit den fremden Augen wiederholt sich erneut, doch sie ist nur ein kleines Stück aus der großen Menschheit. Es ist vorbei, verweht und kommt nie wieder.

Schlüsselwörter

zwei fremde augen kurzer blick braue pupillen lider

Wortwolke

Wortwolke zu Augen in der Großstadt

Stilmittel

Alliteration
Millionen Gesichter
Anapher
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die Braue, Pupillen, die Lider
Metapher
Menschentrichter
Parallelismus
Es kann ein Feind sein, es kann ein Freund sein, es kann im Kampfe dein Genosse sein
Personifikation
die Seele klingt
Rhythmus
Vorbei, verweht, nie wieder