Auff ihren Morgen-schlaaff

Kaspar Stieler

1660

Rubellchen, bistu noch nicht wach? Verlaß die weichen Feder-dekken, die so viel Göttligkeit verstekken. Ich geh′ allhier der Hoffnung nach, ob ich dich möchte, Mein Vergnügen, an den Krystallen sehen liegen.

Auroren göldnes Rosen-bluht, dein Ebenbild der roten Wangen ist allbereit vorbey gegangen, Apollo blizzt in voller Gluht, der Handwerksmann hat schon verzehret, was ihm zum Morgenbrodt gehöret.

Rubellchen schläfft. Sie weiß es nicht, daß ich im gehn hier klag′ und reime. Seyd ihr der Wahrheit, Morgen-treume; so stellt mich ihr iezt vor Gesicht′ als wie ich um diß Fenster stehe und sie an-zuerwachen-flehe.

Ich schweer es, Morfeus, daß ich dich wil mehr als alle Götter ehren: wirstu Rubellchen so betöhren, da sie es glaube kräfftiglich und nach dem Fenster möge rennen, des Traumes Außgang zu erkennen.

Was meint Ihr? wenn dann ungefehr Ihr Busem offen möchte stehen, und ich die Liljen könnte sehen: Wer wäre glükklicher, sagt, wer? könnt′ ich den Vorteil so erlauschen, ich wollte nicht mit Paris tauschen.

Ja, mich kanstu, du Lügen Geist, du Treumer, wol durch sie betriegen: Ich kan fast keine Nacht nicht liegen, so wird sie zehnmal mir geweist. Erwach′ ich in dem öden Schatten: so möcht′ ich mich zu tod′ ermatten.

Rubellchen, du bist nicht verliebt, sonst würdstu wol des Schlafs vergessen. Wehn Amors Wüten hält besessen, der ruhet so nicht, unbetrübt. Wach auff Rubellchen: soll ich gleuben, daß du die meine wollest bleiben.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Auff ihren Morgen-schlaaff

Interpretation

Das Gedicht "Auff ihren Morgen-schlaaff" von Kaspar Stieler ist ein Liebesgedicht, das die Sehnsucht und das Verlangen des lyrischen Ichs nach seiner Geliebten Rubellchen zum Ausdruck bringt. Der Sprecher steht vor ihrem Fenster und versucht, sie zum Aufwachen zu bewegen. Er beschreibt die Schönheit des Morgens und vergleicht sie mit der Schönheit seiner Geliebten. In den ersten Strophen preist der Sprecher die Schönheit des Morgens und die Pracht der Natur. Er vergleicht die roten Wangen seiner Geliebten mit den goldenen Rosenblüten der Aurora und den Glanz der Sonne mit dem der roten Wangen. Er beklagt, dass seine Geliebte noch schläft und die Schönheit des Morgens nicht genießt. In den mittleren Strophen wird die Sehnsucht des Sprechers nach seiner Geliebten deutlicher. Er schwört, den Gott des Schlafs, Morpheus, mehr als alle anderen Götter zu ehren, wenn er seine Geliebte dazu bringen kann, aufzuwachen und zum Fenster zu kommen. Er imaginiert, wie er ihre Lippen und ihre Schönheit sehen könnte und fragt sich, wer glücklicher sein könnte als er in diesem Moment. In den letzten Strophen wird die Verzweiflung des Sprechers deutlich. Er beschuldigt Morpheus, ihn durch Lügen und Träume zu betrügen. Er kann nicht schlafen, weil er so sehr an seine Geliebte denkt. Er bittet sie, aufzuwachen und sich ihm zuzuwenden. Er kann nicht glauben, dass sie seine bleiben will, wenn sie so tief und fest schläft. Insgesamt ist das Gedicht ein Ausdruck der leidenschaftlichen Liebe und des Verlangens des Sprechers nach seiner Geliebten. Es zeigt die Schönheit der Natur und die Schönheit der Liebe, aber auch die Verzweiflung und die Sehnsucht, die mit unerfüllter Liebe einhergehen können.

Schlüsselwörter

rubellchen wach möchte sehen liegen fenster wol bistu

Wortwolke

Wortwolke zu Auff ihren Morgen-schlaaff

Stilmittel

Hyperbel
Ich kan fast keine Nacht nicht liegen
Metapher
Wehn Amors Wüten
Personifikation
Amors Wüten hält besessen
Vergleich
Auroren göldnes Rosen-bluht