Auff ihren abschied

Benjamin Neukirch

1727

Verzeihe mir allhier/ mein widriges gestirne/ Wofern ich mich zu sehr auff deinen lauff erzürne/ Du hast mir allzuviel auff einen tag gethan. Mein leben reiset fort/ und dennoch soll ich leben: Du nimmest/ was du doch mir niemahls hast gegeben/ Und legst mir unverhört die gröste martern an. War es dann nicht genug/ daß ich mit tausend thränen Mich täglich/ doch umsonst/ nach kühlung muste sehnen? Soll ich von Sylvien auch noch geschieden sein? Ach armer Celadon! du hast zu viel erfahren/ Doch diese stunde mehr/ als vor in zwantzig jahren. Drumb hoffe nur nicht erst auff neuen sonnenschein; Du wirst/ du solst/ du must auff dieser auen sterben: Umb/ wie es scheint/ den platz mit purpur anzufärben/ Wo ehmahls Sylvia so schöne blumen laß. Gedencke nur nicht mehr an die vergnügten stunden; Wie sich ihr keuscher arm um deinen hals gewunden/ Und wie sie milch und brodt aus deinen händen aß. Die lust ist schon vorbey. Itzt ist der todt erschienen. Der tod/ so dir allein kan zur ergetzung dienen; Nachdem die gantze welt dir ihren trost versagt. Die zeit verändert sich offt anders als man meynet. Heut’ hat dein treues hertz umb Sylvien geweinet: Wer weiß/ wer morgen schon auch wieder dich beklagt. O himmel/ wald und thal/ und ihr begrünten auen/ Wo ich mich früher offt ließ als Aurora schauen/ Nehmt/ wo ihr mich noch kennt/ die letzten seuffzer hin/ Und saget Sylvien/ wenn man mich hat begraben/ Und sie sich wieder wird an euren blumen laben/ Daß ich für sie allein allhier gestorben bin.

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Illustration zu Auff ihren abschied

Interpretation

Das Gedicht "Auff ihren abschied" von Benjamin Neukirch thematisiert die tiefe Trauer und Verzweiflung des lyrischen Ichs über den Abschied einer geliebten Person, vermutlich einer Frau namens Sylvia. Das Gedicht ist durchzogen von Klagen über das Schicksal und die Härte des Lebens, die das lyrische Ich als ungerecht empfindet. Die Natur wird als Zeuge und Vermittler der letzten Worte und Gefühle des lyrischen Ichs an die Geliebte dargestellt. Das lyrische Ich beklagt den Verlust der Liebe und der schönen Momente, die es mit Sylvia geteilt hat. Es fühlt sich von der Welt verlassen und sieht den Tod als einzige Erlösung von seinem Schmerz. Die Natur, die einst Schauplatz ihrer gemeinsamen Glücksmomente war, wird nun zum Ort des Abschieds und des Sterbens. Das lyrische Ich bittet die Natur, seine letzten Seufzer an Sylvia weiterzugeben und ihr zu sagen, dass es nur für sie gestorben ist. Das Gedicht endet mit einer düsteren Vorahnung, dass das lyrische Ich selbst bald beklagt werden wird, was die Endgültigkeit des Abschieds und die Unausweichlichkeit des Todes unterstreicht. Die Verwendung von Naturbildern und die Personifizierung der Natur als Zeuge und Überbringer der letzten Botschaft verstärken die emotionale Intensität des Gedichts und betonen die tiefe Verbundenheit des lyrischen Ichs mit der Natur und der verlorenen Liebe.

Schlüsselwörter

auff hast sylvien allhier leben soll mehr auen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sylvia so schöne blumen laß.
Anapher
Du hast mir allzuviel auff einen tag gethan. Mein leben reiset fort/ und dennoch soll ich leben: Du nimmest/ was du doch mir niemahls hast gegeben/ Und legst mir unverhört die gröste martern an.
Chiasmus
Die lust ist schon vorbey. Itzt ist der todt erschienen.
Enjambement
Verzeihe mir allhier/ mein widriges gestirne/ Wofern ich mich zu sehr auff deinen lauff erzürne/
Hyperbel
Doch diese stunde mehr/ als vor in zwantzig jahren.
Kontrast
Mein leben reiset fort/ und dennoch soll ich leben:
Metapher
Auff dieser auen sterben: Umb/ wie es scheint/ den platz mit purpur anzufärben/ Wo ehmahls Sylvia so schöne blumen laß.
Personifikation
Die zeit verändert sich offt anders als man meynet.
Rhetorische Frage
Soll ich von Sylvien auch noch geschieden sein?