Auff Ihren Abscheid auß Greiffswald, Gesang

Sibylla Schwarz

1637

Weil dann der Unholdt gäntzlich mir Zum Greiffswald nicht will lenger leiden So bleibt dennoch mein Hertz alhier Undt wirdt sich nimmer von euch scheiden!

Wohin gedenckstu dann mein Sinn? Ist doch Europa gantz voll Kriegen Es ist ja warlich kein Gewinn Von einem stets zum andern fliegen.

Zu Fretow wehr es gut genug Da Phebus mit den Töchtern sitzet Drüm wirt auch Fretow in das Buch Der greisen Ewigkeit geschnitzet.

Da wehr ich fro undt ausser leit Da wolt ich lesen tichten schreiben Undt so den Nachrest meiner Zeit Mit ohnverfälschter Trew vertreiben.

Itzt aber wil die Kriegerey Zu Fretow keinen Menschen dulden Kein Ort ist von den Straffen frey Die ich undt du undt der vorschulden.

Ich sag und klage für undt für Das manche lange Nacht verflossen Seit das ich auß der Frewden Thür Bin gantz undt gahr hinauß gestoßen.

Was klag ich aber weiß ich doch Das meiner Augen heisse Zähren Nicht lindern dieses schwere Joch Noch meinem Elend mögen wehren.

Dan Trauren machet nur Verdruß; Laß alle rauhe Winde wehen Laß sterben wer da sterben muß Was wündscht man viel den Todt zusehen?

Dem Menschen ist gesetzt ein Ziel Das kan er auch nicht überschreiten Drüm ruff nur nicht den Todt zu viel Er schleicht dir nach auff allen seiten.

Was Odem bläst wirt nun geplagt Kein Mensche fült itzund genügen; Man hört nicht mehr das einer fragt: Wo mag der Weg nach Fretow liegen?

Nun gute Nacht mein Vaterlandt! Da weylandt große Lust zu schawen Ich muß mich nun Neptunus Handt Und Thetis saltzen Schoß vertrawen.

Gehab dich wohl du werte Schar Der Schwieger= und der Schwägerinnen! Wer wirt nun mit euch übers Jahr Ins Dannenholtz spatzieren künnen?

Wans euch nun geht wie ihr begehrt Wen euwer Weinen wirt zu Lachen So denckt dan auch eins ohn beschwert Was mag doch unsre Lybis machen?

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Illustration zu Auff Ihren Abscheid auß Greiffswald, Gesang

Interpretation

Das Gedicht "Auff Ihren Abscheid auß Greiffswald, Gesang" von Sibylla Schwarz handelt von der Trennung von der Heimat Greiffswald und den damit verbundenen Gefühlen der Sehnsucht und des Schmerzes. Die Autorin beschreibt, wie ihr Herz trotz der räumlichen Distanz bei den Menschen in Greiffswald bleibt und sich nie von ihnen trennen wird. Sie reflektiert über die Unruhe und das ständige Fliehen in Kriegszeiten und sehnt sich nach einem friedlichen Ort wie Fretow, wo sie in Ruhe lesen, schreiben und ihre Zeit mit unverfälschter Treue verbringen könnte. Doch die Kriegszeiten machen es unmöglich, an diesen Ort zurückzukehren, und sie beklagt die langen Nächte des Leids seit ihrer Vertreibung aus der Freude. Die Autorin erkennt, dass ihre Tränen und ihr Kummer das schwere Joch nicht lindern oder ihr Elend mildern können. Sie rät sich selbst, die rauen Winde wehen zu lassen und den Tod nicht zu sehr herbeizuwünschen, da jeder Mensch ein Ziel hat, das er nicht überschreiten kann. Die Zeit ist geprägt von Plagen und Unzufriedenheit, und niemand fragt mehr nach dem Weg nach Fretow. Sie verabschiedet sich von ihrem Vaterland, das einst große Freude bereitet hat, und vertraut sich nun Neptunus Hand und Thetis Schoß an. Sie wünscht ihrer wertvollen Schar von Schwieger- und Schwägerinnen alles Gute und hofft, dass es ihnen gutgeht und ihr Weinen zu Lachen wird. Sie bittet darum, auch an ihre eigene Situation zu denken und sich zu fragen, was aus ihrer Liebe geworden ist.

Schlüsselwörter

undt fretow wirt kein gantz wehr drüm menschen

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Da wehr ich fro undt ausser leit
Hyperbel
Ist doch Europa gantz voll Kriegen
Metapher
Was mag doch unsre Lybis machen
Personifikation
Das manche lange Nacht verflossen