Auff Herrn Doctor Johann Geißels Hochzeit.
1624Vnd jhr / Herr Bräutigam / vermeynet frey zu bleiben Durchs Regiment der Lieb′ / vnd laßt bey jhr euch schreiben / In dem gantz Teutschland fast anjetzt zu Felde liegt / Vnd vnser schönes Reich sich feindlich selbst bekriegt. Nein; hier ist gleichfals Streit. ich will nicht viel vermelden Wie die Amazonen gleich allen hohen Helden Sich mit der Faust erzeigt / die Brüste weg gebrand / Den Spieß daran gesetzt / vnd auff den Feind gerannt. So auch erwehn′ ich nichts von der Spartaner Frawen / Wie sie jhr Hertze mehr dann Weiblich lassen schawen / Als Pyrrhus in jhr Land die Elephanten bracht / Vnd jhre Männer selbst verzagt dardurch gemacht. Wil von der Böhmischen Valasca nichts nicht sagen / Die sieben Männer hat in einem Streit′ erschlagen / Vnd vielen andern mehr / die mit gewehrter Hand Nicht weniger behertzt / nur minder sind bekand. Diß laß ich alles gehn; ich will nur bloß berühren / Wie Venus Krieg auch pflegt gleich als jhr Mars zu führen. Die Jugend zuvorauß taug vnter beyder Fahn: Ein alter Knecht ist schwach: so auch ein alter Mann. Sie halten beyde Wach. Hier dieser steht gemeine Für seines Hertzen Haus / der für dem Capitayne: Sie wenden jhr Gemüth vnd Augen für vnd für Der auff des Feindes Thor; der auff der Liebsten Thür. Ein Kriegesmann muß fort durch Wind / Schnee / Frost vnd Regen: Ist dessen schönste weg / er leßt sich nichts bewegen / Zeucht vber Land vnd See / fragt nach den Wellen nicht: Sein Wind ist jhre Gunst / sein Nortstern jhr Gesicht. Ein Landsknecht darff allzeit nach Weine sich nicht sehnen / Lescht offtmals mit der Bach: ein Buhler mit den Threnen. Der Krieg ist vngewiß: auch hier ist schlüpffrig Eiß; Man weiß nicht was man will / vnd will nit was man weiß. Diß Volck ist auch bewehrt: die Stirnen sind die Schantzen / Die Oberwehr der Mund / die Augen jhre Lantzen / Die Brüst′ ein ander Schild. wer lieben Faulheit nennt / Der gibt genung an Tag wie wenig er es kennt. Achilles der ist nie so laß von Troja kommen / Als wann Briseis jhm den starcken Sinn benommen: So matt gieng Hercules von keiner Helden That / Als wann jhn Omphale / er sie gefangen hat. Den edlen grossen Mann hat noch deß Löwens Rachen / Noch die Stymphalides / noch bleiche Gifft deß Drachen / Vnd was deß Wesens mehr / nie vnter sich gebracht / Doch ward sein hoher Sinn gelegt durch Weibermacht. So köndte mancher nun wol diß vnd jenes sagen; Mich aber meines Theils / Herr Bräutigam / zu fragen / Ich halt′ es gantz mit euch. Hier ist kein andrer Streit / Als der erreget wird durch Lieb′ vnd Freundligkeit / Durch Freundligkeit vnd Lieb′. O wol / der weit von Kriegen / Von Kämpffen / Haß vnnd Neyd hier schöpffet sein Genügen / Hie findet seine Lust/ nimpt keines Feindes wahr / Ist jnner Rast vnd Rhue / vnd ausser der Gefahr. Hört nicht das Feldgeschrey vnd der Posaunen Krachen / Darff von den donnernden Kartaunen nicht erwachen / Sieht nicht die Lufft voll Staub / die Stätte voller Brand / Die Felder ohne Feld / die Leichen in dem Sand′. Er darff in Todesangst nicht Augenblicklich schweben / Kan weit von falscher Lust mit seiner Freundin leben / Legt aller Sorgen Last in ihren Armen hin / Stellt nur auff Gott vnd sie sein Hertze / Muth vnd Sinn. Nun diesen Port sollt ihr / O werther Freund erlangen: Die schöne Zierligkeit / der Schnee der weissen Wangen / Der hellen Augen Glantz / die freundliche Gestalt So euch fieng zuvorhin / habt ihr jetzt in Gewalt. Die Lippen. Aber seht das grosse Liecht der Erden / Die Sonn′ ist in das Meer mit ihren schnellen Pferden / Der silberweisse Mond′ hat sich herfür gemacht / Streckt seine Strahlen auß / steht in der Lufft vnd wacht. Viel tausend tausend par der wunderschönen Sternen Sind vmb den Himmel her euch zu zusehn von fernen / Vnd gantz bey sich bedacht so lange da zu stehn / Biß sie euch sehn nicht so wie jetzt von sammen gehn. Die schöne Venus kömpt mit ihren kleinen Knaben: Der führt die Braut herzu / der will die Fackel haben / Ein jeder ist bemüht: die Göttin selber lacht / Sieht Braut vnd Bräutgam an / wündscht jnen gute Nacht / Vnd singet vberlaut: Geht hin / ihr Kinder / gehet / Vnd flieht dasselbe nicht / da manches Sinn nach stehet: Geht hin / ihr liebes par / geht / geht das Streiten ein; Dann sonst kan zwischen euch kein rechter Friede seyn.
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Interpretation
Das Gedicht "Auff Herrn Doctor Johann Geißels Hochzeit" von Martin Opitz ist eine poetische Reflexion über die Natur der Liebe und ihre Parallelen zum Krieg. Der Autor vergleicht die Leidenschaft und Intensität der Liebe mit den Kämpfen und Strategien des Krieges. Er beschreibt, wie die Jugend unter beiden Fahnen, der Liebe und des Krieges, dienen kann, während ein alter Mann in beiden Bereichen schwach ist. Der Autor betont die Gemeinsamkeiten zwischen einem Kriegsmann und einem Liebhaber, wie ihre Standhaftigkeit und ihre Bereitschaft, Hindernisse zu überwinden. Opitz beschreibt weiterhin die Bewaffnung der Liebenden, wobei Stirnen als Schilde, Münder als Oberwehr und Augen als Lanzen dienen. Er argumentiert, dass diejenigen, die Faulheit in der Liebe sehen, nicht verstehen, wie anstrengend und intensiv sie sein kann. Der Autor erwähnt auch berühmte mythologische Figuren wie Achilles und Hercules, die durch die Macht der Frauen geschwächt wurden, um die Stärke der Liebe zu verdeutlichen. Abschließend wünscht Opitz dem Brautpaar eine glückliche Ehe und vergleicht die Schönheit der Braut mit himmlischen Körpern wie der Sonne, dem Mond und den Sternen. Er beschreibt die Ankunft der Göttin Venus und ihrer kleinen Knaben, die die Braut zum Bräutigam führen. Das Gedicht endet mit einem Aufruf an das Paar, die Intimität zu genießen und den Frieden in ihrer Beziehung zu bewahren, da sonst kein echter Frieden zwischen ihnen herrschen kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Vnd jhr / Herr Bräutigam / vermeynet frey zu bleiben
- Aufzählung
- Den edlen grossen Mann hat noch deß Löwens Rachen
- Bildsprache
- Sieht Braut vnd Bräutgam an / wündscht jnen gute Nacht
- Hyperbel
- Viel tausend tausend par der wunderschönen Sternen
- Kontrast
- Durch Freundligkeit vnd Lieb′. O wol / der weit von Kriegen
- Metapher
- So auch erwehn′ ich nichts von der Spartaner Frawen
- Parallelismus
- Ein Kriegesmann muß fort durch Wind / Schnee / Frost vnd Regen
- Personifikation
- Die schöne Venus kömpt mit ihren kleinen Knaben
- Symbolik
- Die Sonn′ ist in das Meer mit ihren schnellen Pferden
- Vergleich
- Ein alter Knecht ist schwach: so auch ein alter Mann