Auf Leben und Tod

Bruno Wille

1860

Dann wundert sich′s, daß also weiß der Schnee, Und Blümlein spricht: »Mich wird der Schnee doch nicht verletzen, Mir weh thun nicht; – er ist so weiß!«

(Der Rhapsode der Dimbovitza.)

In üppigen Sonnenfluten Badet sich der Park, Der mit glänzendem Blättergewoge Grausteinerne Häuserwälle bespült.

Aus schattiger Straßenmündung strömt, Buntblitzenden Wellen gleich, Blütenfarbig geputztes Volk: Mädchen mit buntbebänderten Hüten, Blühenden Augen, schimmernden Zähnen.

Das Plaudern plätschert Der Ruhebank vorbei Unter lila blühendem Flieder, Wo ich sitze bei spielenden Kindern. Im Strauche flötet die Nachtigall; Fernes Konzert Weht mit Düften süß heran Und zittert in meiner Seele …

Sanftes Mädchengesicht Unter schüchternem Sommerhut, Blaues Blütenauge, Ich könnte dich lieben! Doch zages Träumen hält mich fest, Und dich entführt die Flut …

Und wieder wehen mit Fliederduft Accorde schmachtend, schwellend; Und meine Seele zittert Von süßem Sehnsuchtsschauer.

Sieh, das Weib Im dunkeln Kleide, Stolz, Mit rundem Busen Und schwarzer Augenglut!

Mein Herz entbrennt Und pocht in wilder Sehnsucht. Was brennst du so? Ist das die Seele, Die heiß umschlingend Dein zehrend Schmachten stillt? Soll ich ihr folgen, pochendes Herz? – Ich wag′ es nicht; Mir wird so schwül und bang.

Denn vielleicht – was weiß ich! – Blüht Gift im dunkeln Auge Und verzehrt mir qualvoll Wangen und Seele. – So ist die Liebe! Auf Leben und Tod!

Oder ist dies Strahlenauge Mir Quelle ewiger Wonne? – So geh zur Quelle, schmachtendes Herz! Sonst verspült die Flut dein Glück! –

Ja, ich gehe! Noch eine Sehnsuchtswelle, Und hingerissen folg′ ich, Zu lieben auf Leben und Tod …

Doch wehe! Mir schwindelt; Ich wanke, zu stürzen In glitzernde Wellen Des Menschenstromes. Halt dich fest, bethörte Seele! Jedwede liebliche Welle Ist Liebe auf Leben und Tod! –

Doch horch, die Nachtigall lockt so heiß, Berauschend wehen Musik und Duft, Und Menschenaugen blühen so schön … Wohlauf in den Strom der Seelen, Zu lieben auf Leben und Tod!

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Illustration zu Auf Leben und Tod

Interpretation

Das Gedicht "Auf Leben und Tod" von Bruno Wille beschreibt die innere Zerrissenheit des lyrischen Ichs zwischen Sehnsucht und Angst vor der Liebe. In einer parkähnlichen Szenerzählung beobachtet das Ich die Menschen und ihre Lebensfreude, die sich im Gegensatz zu seiner eigenen Unsicherheit und Zurückhaltung befindet. Das Ich schwankt zwischen der Anziehungskraft einer sanften, blauen Augen habenden Frau und einer dunkel gekleideten, stolzen Frau mit schwarzer Augenglut. Es fühlt sich von beiden angezogen, ist aber gleichzeitig von der Angst vor dem Unbekannten und möglichen Schmerzen gelähmt. Die Liebe wird als ein Wagnis dargestellt, das entweder zur ewigen Wonne oder zum qualvollen Verzehr der Seele führen kann. Am Ende des Gedichts entscheidet sich das Ich, den Mut aufzubringen und sich der Liebe hinzugeben. Es lässt sich von der betörenden Nachtigall, der Musik und dem Duft in den Strom der Seelen ziehen, um auf Leben und Tod zu lieben. Die letzte Strophe verdeutlicht die Ambivalenz der Liebe, die sowohl berauschend als auch gefährlich sein kann.

Schlüsselwörter

seele leben tod weiß lieben herz schnee wellen

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Stilmittel

Alliteration
Blütenfarbig geputzt
Anapher
Und wieder wehen mit Fliederduft / Accorde schmachtend, schwellend
Apostrophe
Halt dich fest, bethörte Seele!
Bildsprache
In üppigen Sonnenfluten / Badet sich der Park
Hyperbel
Zu lieben auf Leben und Tod
Kontrast
Das Weib / Im dunkeln Kleide, / Stolz, / Mit rundem Busen / Und schwarzer Augenglut!
Metapher
Ich wanke, zu stürzen / In glitzernde Wellen / Des Menschenstromes
Parallelismus
Zu lieben auf Leben und Tod
Personifikation
Blümlein spricht: 'Mich wird der Schnee doch nicht verletzen'
Rhetorische Frage
Was brennst du so?
Symbolik
Fliederduft
Vergleich
Buntblitzenden Wellen gleich