Auf Ihres Landesfürsten Tod (an M. S. G.)

Sibylla Schwarz

1621

die zehende Musen genennet

Ach / ach / wie müssen doch in diesen letzten Tagen / Da nichts als Kriegen ist / die wehrten Musen klagen! Apollo weynet selbst und tregt ein Trauerkleid / Die drey mal dreye stehn / und klagen wie das Leid Von allen Seiten her sie ietzundt hab umbgeben / Sie wünschen sich den Todt für solch ein tödtlich Leben / Und weynen bitterlich / die Clio schreibt es an / Was ihn′n die Mörderinn / die Zeit / hat angethan. Der nimmerstille Mars steht ihn′n zur einen seiten / Verlacht ihr Seitenspihl / lobt nur allein sein Streiten / Und frisst sich nimmer satt an so viel Christen Bluht / Doch ist das minste das / von allem / was er thut; Er pfleget ihn′n durch Mort die Thür und Thor zu weisen / Drumb will die kluge Schar itz weit von hinnen reisen / Und steht nur auf dem Sprungk / ist wegk zu zieh′n bereit / Und weiß doch nicht / wohin / weil alle Welt voll Streit. Doch klagen sonderlich sie / daß der Held gestorben / Mit dem das Land noch guht / ohn / den es war verdorben / Sie nehmen sich auch an des Vaterlandes Noth / Undt trauren Tagk und Nacht ümb unsers Fürsten Todt. Da das Palladium in Troja war zu finden / Hat sie der Griechen Macht nicht können überwinden / So bald sich das verlohr / ward Troja außgeheert / Und was darinnen war / durch Mort und Brandt verzehrt: So lang wir unsern Schirm / und Landes Vatter hetten / Wahr ja noch Fried und Ruh / wer will uns nun vertretten? Wer nimpt sich unser an / nun ist es mit uns auß / Es kracht / es bricht / es fellt / es liegt der Hoffnung Hauß. Das ist noch nicht genuch / den steht zur andern Seiten Des bleichen Neides Schar / und will auch mit uns streiten; Nechst deme kömpt zu letzt Herr Momus auch heran / Der alles tadlen zwar / doch nichtes machen kan. Und das empfinden auch insonderheit für allen Die / so die Poesey sich lassen wohlgefallen; Die edle Poesey / die selbst der Himmel giebt / Wird jetzo mehr gehast / gelästert / als geliebt. Der Neid / ihr ärgster Feind weiß gnugsahm fürzugeben / Dardurch der hohen Lust genomen wirt das Leben; Sein Heer ist gahr zu starck / wer kan ihm wiederstehen? Doch wehr er noch so groß / er muß doch untergehn / Die Leyer zwinget ihn / sie dringt durch alle Sachen / Die einen Menschen Sonst gahr balt verderbet machen; Sie ist das / was den Sinn macht fliegend und entzückt / Sie ist das werthe Pfandt / das uns Apollo schickt; Sie ist der Sprachen Ruhm / die Tugendt aller Tugendt; Sie ist der Künsten Kunst / Sie ist die Zierd der Jugendt; Sie lebt / wen alles stirbt / und kan nicht untergehn / Wen gleich die grosse Welt nicht länger kan bestehn. Ich / die Ich nicht begehr durch dis berümt zu werden / Was mir Apollo giebt / noch dadurch von der Erden Will hoch erhoben sein biß an des Himmels dach / Das ob es selbst schon hoch / nicht hochheit leiden mach Im gleichen auch nicht will / daß Fama mir soll geben Den Nahmen / daß ich kan auch nach dem Tode leben (Den das ist mir zu hoch / begehr ich das zu lohn / So geht es mich gewiß / wie vor dem Phaeton) Kan doch / so schlecht ich bin / die Leyer nimmer haßen / Wen ich sie lassen soll / so muß ich selbst mich laßen / Das sagt mich die Nathur / und kan ich ja nicht mehr Ihr sonst zu dienste seyn / so lieb′ ich sie doch sehr. Und weil auch Phebus den′n / die seine sachen lieben / Eß sey so viel eß will / doch etwas hat verschrieben / So zwinget mir die Lust / die alles zwingen kan / Das / was der Himmel giebt / zu nehmen willig an. Eß ist mir eine Lust / wen ich den Pierinnen / Den dreyen Gratien / den dreymahl drey Göttinnen / Kan zu den füssen stehn / und wünsche nur allein Der Musen Mägde Magd / und denen lieb zu seyn / Die auch der edlen Lust der Poesey verbunden / Da dan noch zweiffels frey derselben viel gefunden / Die theils mir ohne das / theils durch den Ruhm bekant / Der mir / wiewohl ich sein nicht werth / ist zugewandt / Daführ ich danckbahr noch will jederzeit erscheinen / Und was ich nicht kan thun / giebt Phebus selbst den seinen / Die ob sie zwar wol itzt verfolgt seyn weit und breit / Doch kriegen einen Krantz / den nicht entlaubt die Zeit.

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Illustration zu Auf Ihres Landesfürsten Tod (an M. S. G.)

Interpretation

Das Gedicht "Auf Ihres Landesfürsten Tod (an M. S. G.)" von Sibylla Schwarz ist ein Trauergedicht, das den Tod des Landesfürsten beklagt und die damit verbundene Unruhe und Trauer zum Ausdruck bringt. Die Autorin verwendet dabei die Metapher der Musen, die in Trauer und Klage versunken sind, um die allgemeine Stimmung des Verlustes und der Verzweiflung zu verdeutlichen. Der Tod des Fürsten wird als Verlust eines Schutzes und einer Hoffnung dargestellt, vergleichbar mit dem Verlust des Palladiums in Troja, das den Untergang der Stadt einleitete. Die Autorin beklagt auch die Verfolgung der Poesie und der Musen durch Neid und Missgunst, die in dieser Zeit der Unruhe und des Krieges besonders stark zu sein scheinen. Trotzdem betont sie die Unvergänglichkeit der Poesie und ihre Bedeutung als Quelle der Inspiration und des Trostes. Die Poesie wird als Geschenk des Himmels dargestellt, das selbst in den dunkelsten Zeiten Bestand hat und den Menschen Trost und Hoffnung spendet. Abschließend drückt die Autorin ihre Liebe zur Poesie und ihre Dankbarkeit gegenüber denen aus, die sie unterstützen und fördern. Sie betont, dass die Poesie trotz aller Widrigkeiten und Verfolgungen letztendlich triumphieren wird, da sie von den Musen und den Göttinnen der Dichtkunst geliebt und geschützt wird. Das Gedicht endet mit der Zuversicht, dass die Poesie einen Kranz erringen wird, der von der Zeit nicht entlaubt werden kann.

Schlüsselwörter

kan will selbst giebt lust musen klagen apollo

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Phebus selbst den seinen
Anapher
Ach / ach / wie müssen doch in diesen letzten Tagen
Hyperbel
die Zierd der Jugendt
Metapher
Die Leyer
Personifikation
die wehrten Musen klagen